Avatar CSS Template

DAS TEAM STEHT EUCH STETS FÜR RAT & TAT BEI SEITE. DU HAST FRAGEN ODER GAR EIN ANLIEGEN? KEIN PROBLEM!

WELCOME SURVIVOR

The Walking Dead | Endzeit RPG | FSK 18 | Orts- und Szenentrennung | Freecharakter

Wir sind ein seid 2013 – bestehendes Endzeit Forum angelehnt an die Serie AMC's The Walking Dead. Die AMC-Serie dreht sich um eine Gruppe von Menschen, die sich plötzlich in einer postapokalyptischen Welt wiederfinden, die von Zombies übersät ist. Überleben heißt nun das oberste Gebot der Stunde. Alles hat damit angefangen als Rick Grimes aus dem Koma erwachte und sich in einer Welt voller Untoten zurecht finden musste und nach seiner Familie suchte. Ab dann begann ein Leben voller Ereignisse, die einen Menschen ewig prägen würden. Höhen und Tiefen, welche immer wieder eintraten. Die Story von TWD verläuft aktuell bei uns bis zu Negan's Gefangenschaft, ab dann handeln wir frei nach bestimmten Ereignissen und der Endzeitthematik. Aufgeteilt in vier, verschiedenen Kolonien und einzelnen Gruppen bieten wir Abwechslung und Spannung für jeden Seriencharakter und Freecharakter. Auch Charaktere aus den Schwesternserien AMC's Fear The Walking Dead & AMC's The Walking Dead: World Beyond sind bei uns mit angepasster Storyline spielbar. Egal wie du dich entscheidest – Dein Kampf gegen die Untoten und Lebenden erwartet dich hier.
CSS Template

STAY AS LONG AS YOU LIKE

X
#1

Reitplatz

in Innenbereich 11.01.2020 20:59
von The Walking Dead Team | 2.581 Beiträge
nach oben springen

#2

RE: Reitplatz

in Innenbereich 11.01.2020 21:35
von Jesse Redford (gelöscht)
avatar

Hier oben in den Bergen schneite es nun schon seit ein paar Tagen quasi unaufhörlich. Das Dorf war eingeschneit und sah aus wie mit Zuckerguss übergossen. Fast so romantisch wie in den Märchenbüchern. Tatsächlich war es eigentlich ganz hübsch. Dennoch vermisste Jesse den Zoo ein wenig. Hier war er unter Fremden und musste sich einfügen. Doch Scorpion hatte ihm diese Aufgabe anvertraut, also würde er sie auch ausführen. Vertrauen gewinnen, abchecken wo die Schwächen lagen und vor allem, ob die Leute mit sich verhandeln liessen oder ob ein Überrennen des Dorfes unumgänglich war. Aber im Moment war das eigentlich seine kleinste Sorge. Er war gerade noch rechtzeitig hier im Dorf angekommen und bislang lief diese Probezeit die man hier machte eigentlich ganz gut. Niemand schien zu ahnen, dass er aus einer anderen Kolonie eingeschleust wurde. Manchmal hatte er fast ein schlechtes Gewissen deswegen, weil die Leute hier eigentlich recht nett und friedlich wirkten. Doch er wusste, dass man niemandem trauen konnte. Er stand voll und ganz hinter Scorpion. Der wusste was er tat. Jede andere Kolonie konnte eine Gefahr für sie sein. Zumal der Zoo mittlerweile recht gross und erfolgreich war. Also musste er herausfinden, was die anderen Kolonien dahingehend planten.
Da Jesse nicht wirklich still sitzen konnte und in diesem einfachen Dörfchen sein Verstand nicht ganz so sehr gebraucht wurde wie im technisch fortgeschritteneren Zoo, hatte er um eine Aufgabe gebeten. Rasch hatte er festgestellt, dass hier einige Tiere gehalten wurden und bot deshalb seine Hilfe beim Einreiten der jungen Pferde an. Damit hatte er Erfahrung, selbst wenn die in den letzten Jahren vielleicht ein wenig eingerostet war. Doch Reiten war wie Fahrradfahren. Es ging immer, man hatte danach nur tierischen Muskelkater. Doch das blieb bei ihm aus, da er auch zu Pferd nach Balar gekommen war. Auch wenn er im Zoo nicht wirklich viel geritten war, der Trip hierhin hatte gereicht, um die alte Muskulatur wieder aufleben zu lassen.
Er hatte also damit begonnen Azra, dem hiesigen Pferdemeister beim Trainieren der Tiere auszuhelfen. Es standen einige junge Pferde zur Erziehung bereit. Und obwohl es schneite und eisig kalt war, hielt ihn das nicht davon ab. Es gab kein schlechtes Wetter, bloss schlechte Kleidung. Er hatte schon stürmischere Tage auf hoher See verbracht und bei peitschendem Regen und Wellen sein Segelboot gezähmt.
Heute führte er einen jungen Hengst in die Reitbahn, die laut Azra noch gar nicht lange stand. Vielleicht ein oder zwei Jahre. Es war ein grosser Platz, der sogar überdacht war. Eine Hälfte war bis oben geschlossen, die andere konnte auch von aussen eingesehen werden. Deshalb war es kühl da drin, doch zumindest waren sie vor dem Wind und den wirbelnden Schneeflocken geschützt. Auf der geschlossenen Seite gab es auch Sitzplätze, damit Zuschauer die Arbeit sehen konnten, wenn sie wollten. Heute waren diese Plätze aber allesamt leer. Die meisten Leute waren wohl eher drin in der Wärme.
Der junge Hengst hatte erst vor zwei Wochen das erste Mal einen Sattel gesehen, akzeptierte das Reitergewicht mittlerweile aber eigentlich ganz gut. Nun brachte er ihm die ersten Lektionen bei und wie er sein Tempo nach den Wünschen des Reiters regulieren konnte.
Behände schwang sich Jesse in den Sattel und nahm die Zügel auf, bevor er damit begann das Pferd in ein paar Runden aufzuwärmen. Erst einmal im Schritt, dazu ein paar Übungen wie Rückhandwende, Vorhandwende, seitwärts gehen ... Schliesslich trabte er ein paar Runden. Der junge Hengst hatte schon ordentlich Muskeln aufgebaut und weniger Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht als die Tage davor. Nur sein Temperament war ... lasch. Das Tier war wohl nur noch Hengst, weil Azra sich nicht traute die Pferde zu kastrieren. Aber gut, das verstand er ja auch, war kein einfacher Eingriff. Er hatte ihm schon angeboten, ihm dabei zu helfen. Er würde nur ein paar entsprechende Bücher lesen müssen, dann würde er sich vielleicht zutrauen. Kam darauf an wie kompliziert der Eingriff letztlich war. Azra hatte daraufhin gemeint, er solle erst mal in Ruhe die Probezeit überstehen, danach würden sie sich immer noch Gedanken machen, wie es mit den Hengsten weiterging. Sie hätten dieses Jahr sowieso fast nur Stutfohlen gekriegt.
Jesse versammelte den Hengst etwas mehr, machte einen Wechsel durch die ganze Bahn, sodass er ihn nun auf linker Hand ritt. Mit der treibenden Hilfe auf der rechten Seite liess er das Pferd schliesslich galoppieren. Es war ein schöner, versammelter Galopp, doch der junge Hengst kam recht schnell ins Prusten. War wohl noch etwas anstrengend für ihn. Deshalb liess er ihn nur zwei Runden galoppieren, bevor er ihn erst einmal im Schritt wieder ein wenig ruhen liess.
"Guter Junge", sagte er sachte und beugte sich vor, um dem Hengst über den Hals und Mähnenkamm zu streicheln, während er sich die zügel aus der Hand kauen liess, damit er sich strecken konnte. Nun war er warm und vielleicht konnte er noch ein paar kleinere Übungen anhängen, bevor er schluss machte. Junge Pferde sollte man nicht überfordern.

@Valravn Vargström


nach oben springen

#3

RE: Reitplatz

in Innenbereich 11.01.2020 23:21
von Valravn Vargström (gelöscht)
avatar

War noch gar nicht lang her, da hatte Ivar, bei einem guten Met und deftigen Essen, Val gegenüber einen Neuling erwähnt, scheinbar ein etwas unruhiges Kerlchen, dem der Schwede bislang nicht begegnet war aber weiter verwundern tat es diesen nicht. Er war ja meist bei den Tieren, hatte selbst noch mit dem Einleben zu kämpfen, sowie der Umstellung plötzlich sesshaft zu sein und Menschen um sich zu haben, ihm erleichterte dies aber die Bekanntschaft zu Skadi, dem irischen Kriechtier und Azra, der Pferdebesitzer, schien auch in Ordnung zu sein. Zumindest hatte Val, ein ums andere Mal, überlegt diesen auf einen Met einzuladen oder einen Ausritt zu machen. Letzteres fiel aufgrund der derzeitigen Wetterlage jedoch flach, es schneite ununterbrochen, weshalb es hieß näher zusammen zu rücken, sowie Feuerholz zu sparen, weshalb auch Val ein wenig mit sich haderte. Bislang blieb er in seiner kleinen Hütte lieber für sich, zudem hatte er seinen Grizzlypelz, der ihm seit einigen Jahren, die schlimmste Kälte vom Leib gehalten hatte und er oftmals nicht das Glück hatte, überhaupt einen Unterschlupf zu finden. Für ihn war der viele Schnee kein großes Problem, viel mehr störte er sich daran, nicht rausgehen zu können, rauf in die Berge, den Wald oder generell mal raus aus den Mauern von Balar. Dem rastlosen Schweden fiel es eben schwer, nicht mehr den ganzen Tag in Bewegung zu sein, einerseits tat es ihm gut und seinen alten Knochen, auf der anderen Seite fehlte es ihm da draußen zu sein. Egal wie alt, aus dem Wolf würde dennoch nie ein braver Schoßhund werden, der sich faul vor den Kamin warf oder seinem Herren die Schlappen brachte.
Während viele sich im Dorf, aufgrund der Kälte, zurückzogen, froren sich die Wachen wohl etwas den Arsch ab, zu denen gehörte der Schwede jedoch nicht, da er als Veterinär genug zu tun hatte und aufgrund seiner Schulterverletzung, auf einem Wachturm, nicht viel ausrichten könnte. Einen Bogen spannen konnte er seit Jahren nicht mehr und vermutlich hatte er ziemlich eingebüßt als Schütze. Der Verlust des linken Auges stellte sich nicht nur bei Zielübungen, die er gelegentlich mit der Streitaxt machte, als Nachteil heraus, sondern auch im Kampf gegenüber Menschen. Anders als die Untoten, registrierten die schließlich, das Valravn einen großen toten Winkel auf der linken Seite hatte, was jeder, der mehr als eine graue Hirnzelle aktiv nutzte, natürlich als Vorteil werten sowie entsprechend agieren würde.
Allerdings hieß das nicht, das wichtige Details an ihm vorbeirauschten, immerhin war er als Einäugiger, der König unter den Blinden. Valravn hatte eigentlich nicht vor heute noch groß durch das Dorf zu wandern, allerdings wollte er nach Sleipnir sehen, der es im Stall einfach nicht aushielt, seinem Kladruber konnte er das nicht verdenken, niemand ist gerne eingesperrt. Seufzend blieb Valravn bei der Haupthütte stehen, natürlich war sein Pferd hier, mit einer Ziege auf dem Rücken, was den Schweden inzwischen gar nicht mehr wundern sollte, denn ganz offensichtlich waren, Bäh und Mäh, ebenso bekloppt wie ihr Besitzer Ivar! Von seinem eigenen Pferd fing er gar nicht erst an, Sleipnir hatte es faustdick hinter den Ohren und kam zu dem Schweden, der nur mit der Zunge schnalzen brauchte, um ihn zu rufen. "Ich verbiete dir bald den Umgang mit den Beiden." Tadelte Valravn sein Pferd mit gespielt grimmigen Blick, während seine rauen Fingerspitzen über die weiche Schnauze seines Hengstes strich, bis rauf über die Stirn. Sleipnir war alles was er noch als Familie bezeichnen konnte, weshalb er auch generell eigen reagierte, was den Kladruber-Hengst betraf. Anfassen durfte den nämlich nicht jeder und Valravn wäre es auch lieber, wenn Sleipnir im Stall bleiben würde aber das Pferd, war nicht weniger dickköpfig wie sein Besitzer offenbar. Der sein Zaumzeug dabei hatte und anzog, den Sattel brauchte er nicht, der müsste eh repariert werden, weshalb der Schwede nur seinen Bärenpelz, den er wie einen Poncho trug, über den Kopf zog und auf dem Rücken von Sleipnir ausbreitete. Der hatte sich zwar ein kuschliges Winterfell angeeignet aber Valravn war heute schon den ganzen Tag schrecklich warm, obwohl er fast nur draußen war oder bei den Ställen.
In die Mähne gegriffen, schwang sich Valravn, halbwegs galant für sein Alter, rauf auf den Rücken seines Pferdes und beugte sich vor um diesem über den Hals zu streicheln, anschließend griff er die Zügel und ritt mit ihm zur Reitbahn. Da sie nicht raus konnten, Sleipnir aber auch seine Bewegung brauchte, blieb nur diese Alternative im Augenblick.
Im Schritt begaben sie sich zur Reitbahn, ehrlich gesagt rechnete Valravn nicht damit, dass sie dort nicht allein sein würden, noch weniger, dass es sich dabei um den Neuling handelte, der seit geraumer Zeit im Dorf war. Beim Betreten des überdachten Bereiches, schnaubte Sleipnir und scharrte mit der Hufe als Valravn ihn dazu anhielt zu stoppen, nur ein paar Meter vor ihnen war einer der jungen Hengste, der zugeritten werden sollte. Er hatte angenommen Azra tat das, mit dem der Schwede eh darüber sprechen wollte, ob und wenn ja welche Hengste er kastrieren lassen will, etwas das unumgänglich war, wenn er eine vernünftige Zucht mit den richtigen Tieren aufbauen will. Mit der rechten Hand die Zügel locker haltend, ruhte die Andere auf seinem Oberschenkel als Sleipnir da stand und sich schüttelte, sein Reiter beobachtete hingegen mit gewohnt grimmigen Blick den Kerl auf dem Pferd, dessen Rückansicht zunächst nur ersichtlich war. Allein anhand dessen war ihm klar, dass dies nicht Azra war, ganz anderer Körperbau aber vor allem eine ganz andere Körperhaltung zu Pferde. Valravn war kein Reitexperte, für ihn ritt Azra aber wie ein Cowboy, typisch amerikanisch, doch der Kerl auf dem jungen Hengst? Der wirkte wie ein Profi, so anmutig und grazil, als wären Pferd und Reiter eins.
"Nun, entweder hat Azra über Nacht einen Reitkurs belegt und ist geschrumpft oder du musst der Neuling sein." Drang es knurrig durch die halb offene Reitbahn, der Schwede war nicht gerade als Sonnenschein bekannt, sein grimmiger Blick besserte den Eindruck, des übellaunigen, gefährlichen Wolfes auch nicht, zumal es nicht in seiner Intention lag freundlich zu sein. Er wusste um seine Ausstrahlung, die nicht nur durch die schwarze Augenklappe untermalt wurde, auch nicht durch den Drei-Tage-Bart, welcher fast schon so grau und weiß war, wie sein länger gewordenes Haupthaar, das ihm stets wirr im Gesicht hing, vor allem links. Seine gerade Körperhaltung, die gestrafften Schultern und das stolz angehobene Kinn, trugen ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass manch Einer ihm lieber gleich aus dem Weg ging oder sich zweimal überlegte, ob er ihn ansprechen soll. War ihm ganz recht, er checkte generell lieber sein Gegenüber ab, als umgedreht.
Indem Moment wo der, offensichtliche, Neuling mit dem Pferd seine Runde vollendete und somit direkt in Valravns Richtung ritt, rieb dieser sich über das Auge und musste ein Gähnen unterdrücken, wie immer hatte er kaum geschlafen oder war schon vor Morgengrauen wieder auf den Beinen. Die Hand sinken lassend, sowie den Kopf, samt finsteren Blick, wieder gehoben, schaute er direkt zu dem Reiter, dessen Gesicht er noch nie gesehen hatte, zumindest nicht in Balar. Für einen Moment lang schien die Welt sich nicht weiterzudrehen, mit dem verbliebenen, rechten Auge starrte er den, vermeidlich, Fremden einfach nur an und es schien in seinem Kopf zu rattern, ein Wunder das kein Rauch aus seinen Ohren stieg. Doch je länger er in das blasse Gesicht blickte, allen voran in diese blauen Augen, umso mehr schienen die markanten Gesichtszüge des Schwedens zu entgleiten. Das dunkle Braun seiner Iris wich zurück als die Pupille sich weitete, man könnte es auf die Lichtverhältnisse schieben, doch daran lag es vermutlich nur bedingt. Valravn hatte ein sehr gutes Gedächtnis, vielleicht merkte er sich nicht jeden Namen oder wollte ihn sich nicht merken, doch Gesicht erkannte er, ganz gleich wie viel Zeit verstrichen sein mag. Selbst dann als die Erkenntnis, dass er dieses Gesicht sogar ausgesprochen gut kannte, seine Sicht verschwimmen ließ und sich dieses Gefühl breit machte, um seinen Hals, als zog man eine Schlinge zu, die ihn daran hinderte Luft zu bekommen.
Nein, einfach Nein, es konnte einfach nicht sein. Das war unmöglich, schoss es ihm durch den Kopf, den er senkte, um hinab auf seine Hände zu blicken, die er hob und sich, anstrengend ausatmend, übers Gesicht fuhr, sowie anschließend ein paar mal blinzelte. Er hatte keinen Alkohol getrunken, er war hellwach also konnte das kein Traum sein, richtig? Als er die Hände wieder runternahm, erneut blinzelte und wieder zu dem Reiter sah, dachte er wirklich, nun würde er das letzte bisschen Verstand verlieren, dass er noch besaß. Sofern was übrig war, ganz sicher, war sich der Schwede just in diesem Moment nicht. Der nur die zittrigen Lippen aufeinander presste, die Zähne fest zusammen biss, sodass ihm vermutlich später der Kiefer schmerzen würde und den Mann auf dem Pferd nur anstarrte. "...Halluzinationen, ...hervorgerufen durch posttraumatischen Stress, Fieber, Schlafmangel, Unterkühlung. Natürlich, ...oder ich bekomme gerade einen Schlaganfall...." Sprach er sehr nüchtern mit sich selbst, irgendwas davon musste es ja sein oder hatte ihm wer etwas ins Essen gemischt? Wohl kaum. Vielleicht fiel er selbst auch gleich tot vom Pferd, das erschien ihm realistischer als...die Möglichkeit, dass nach all den Jahren, ausgerechnet die einzige Person, auf einem Pferd natürlich, vor ihm stand, welche der Schwede heiraten wollte. Rächten sich jetzt die zehn Jahre fast durchgehender Isolation? Kamen hinter dem Pferd gleich noch seine Töchter hervor oder eine Walküre, die ihn nach Valhalla einlädt?


@Jesse Redford


Thomas Marshall findet das nice
1 Mitglied lacht sich schlapp
1 Mitglied hat dich im Auge
1 Mitglied findet das süß
nach oben springen

#4

RE: Reitplatz

in Innenbereich 12.01.2020 06:33
von Jesse Redford (gelöscht)
avatar

Zweifellos hatte Jesse heute nicht damit gerechnet, überhaupt noch einen anderen Reiter hier zu treffen bei dem furchtbaren Wetter, das draussen herrschte. Bis Auf Azra und ein, zwei andere Dorfbewohner, deren Namen er noch nicht kannte, hatte er hier noch nicht allzu viele Reiter gesehen, weshalb er auch ohne jeden Zweifel eine Bereicherung für dieses Dorf war. Gewissermassen.
Der junge Hengst lief in grossen Schritten unter ihm, kaute konzentriert auf der Trense und liess den Kopf hängen, um sich zu entspannen. Nichts, was Jesse ihm gleichtat. Egal in welcher Gangart oder bei welcher Übung er gerade verweilte, seine Form auf dem Pferd musste passen. Weniger erwartete er nicht von sich selbst.
Das Pferd und er atmeten ruhig, kleine weisse Wölkchen bildeten sich vor ihnen aufgrund der vorherrschenden Kälte. HIer oben in den Bergen ... war es einfach deutlich kühler als unten im Zoo.
Als er dann um die nächste Kurve ritt, sammelte er die Zügel wieder auf, korrigierte seinen Sitz ein wenig, straffte seine Schultern automatisch etwas mehr, ohne sich dabei zu verkrampfen. Reiterei hiess, dass man ein perfektes Gefühl für seine Körperspannung haben musste, ohne dabei zu steif zu werden.
Als er nun nach vorne ritt, konnte er sehen, dass jemand Neues die Reitbahn betrat. Jesse kümmerte sich nicht weiter darum, dafür war er noch zu weit entfernt, stattdessen konzentrierte er sich auf das Pferd unter ihm und trieb den Hengst dann nochmal in einen sanften Trab. Wie er es erwartet hatte, war der Gang nun weicher, da er nun aufgewärmt war. Allerdings musste er aufpassen, dass er das junge Tier nicht überforderte. Schliesslich bestimmte das Tier die Geschwindigkeit der Ausbildung und nicht er. Jede Überforderung würde sie nur einen Schritt zurück katapultieren.
Im Trab ritt er an dem Reiter auf dem mächtigen schwarzen Rappen vorbei. Nach reiterischer Manier grüsste er ihn, indem er sich symbolisch an die Kappe tippte - in seinem Fall eine Wollmütze, die sein leicht gelocktes Haar halbwegs verdeckte. Dann war er schon wieder an ihm vorbeigeritten. Die Konzentration auf sein Pferd war gerade etwas grösser. Nichtsdestotrotz reichten seinem ständig ratternden Gehirn die paar Millisekunden aus, um ein komplettes Bild der beiden vor sein geistiges Auge zu projektieren. Es dauerte dennoch etwa fünf Sekunden, in denen das Pferd die halbe Bahn hinter sich brachte, bis das Bild auch bewusst vor ihm auftauchte.
Er sah das schwarze Pferd zuerst in seiner vollen Pracht. Vom Exterieur und dem Scharren nach zu urteilen, wie es dabei den Hals krümmte, war es entweder ein Hengst oder ein spät gelegter Wallach. Auf jeden Fall war da noch eine Menge Testosteron im Blut. Mehr als es bei seinem eigenen Reittier momentan der Fall war zumindest.
Danach, eine weitere Sekunde später gab sein Hirn ihm ein glasklares Bild des Reiters frei. Ein Herr mittleren Alters, schätzungsweise um die fünfzig. Er trug eine Augenklappe, darunter war vernarbtes Gewebe hervorgeblitzt, weshalb er davon ausgehen konnte, dass ihm das Auge fehlte.
Der Mann trug einen bereits deutlich ergrauten Bart, genauso wie das Haupthaar. Das Gesicht war wettergegerbt, er musste viel draussen gewesen sein. Seine Körperhaltung, die Art, wie er die Zügel in der Hand hielt, die Hand locker auf dem Oberschenkel platziert, sprach von viel Stolz, einem Mann, der abgehärtet war.
Das Pferd ging in die Kurve, das Bild vor seinem Auge legte sich über die früheren Bilder, von Menschen, die diesem Mann ähnlich sahen und eine der vielfachen Erinnerungen blitzte auf. Wenn er jeweils auf der verpachteten Ranch noch ausgeholfen und geritten war und Val an der Reitbahn stand und ihm zusah.
Und das war der Moment, in dem Jesse aufsah und einen weiteren Blick zu dem Mann riskierte. Er runzelte die Stirn. Normalerweise konnte er seinen Erinnerungen trauen. doch er wurde nun auch nicht mehr jünger ... Hatte er sich getäuscht. Hatte sein Auge diesen Mann ihm als Wunschvorstellung vor sein inneres Auge projeziert?
Der Hengst geriet einen Schritt aus der Bahn, weil er sein Gewicht etwas zu sehr verlagert hatte, Jesse konzentrierte sich sofort wieder auf das Tier, korrigierte das sofort aus. Die nächsten zehn Sekunden in denen der Hengst wieder auf den Mann zuschritt vergingen wie eine halbe Ewigkeit für ihn, doch dann war er bei ihm. Er parierte den Hengst durch, keine zwei Meter von dem schwarzen Ungetüm entfernt, in einer perfekten Gerade vor ihm.
Für einen Augenblick wagte er es nicht hinzusehen. Was wenn er sich doch getäuscht hatte? Die Pferde standen Kopf an Kopf voreinander, Jesse starrte auf den grau melierten Mähnenkam seines Schimmel werdenden Braunen und hob schliesslich den Blick.
Schweigend musterte er den Mann vor sich. Sein Blick huschte über jede Einzelheit seines Gesichts. Bis auf die Augenklappe und wenn er zehn Jahre dazu rechnete, war es Val. Aber was machte Val hier? Das war überhaupt nicht möglich! Er hatte nie eine Antwort auf seine Nachricht erhalten. Sich damit abgefunden, dass er tot war. War es einer der angeblichen Doppelgänger, die jeder Mensch besass?
Sein Hirn begann zu arbeiten, zu überarbeiten, sein Verstand konnte das Bild vor ihm nicht mit dem was er dachte zu glauben übereinbringen. War es der Schlafmangel? Sah er jetzt Trugbilder, so klar und nah, dass er dachte, er könnte sie anfassen? Waren seine Trugbilder dermassen voller Details, dass er selbst den Dampf vom schwarzen Pferdekörper aufsteigen sah?
Er hob die Hand und zog sich die Wollmütze vom Kopf, weil er das Gefühl hatte, dieser würde gleich explodieren, während er gleichzeitig scharf die Luft einzog, die dermassen in seiner verengten Lunge brannte.

@Valravn Vargström


Thomas Marshall findet das nice
1 Mitglied hat dich im Auge
nach oben springen

#5

RE: Reitplatz

in Innenbereich 12.01.2020 10:39
von Valravn Vargström (gelöscht)
avatar

Nun, wo Valravn nicht mehr da draußen war, sich täglich mit den Fragen rumschlagen musste, wo er etwas zu essen fand, eine saubere Wasserquelle, einen sicheren Platz zum Rasten oder welchen Umweg er gehen sollte, nur damit Sleipnir sich nicht im unwegsamen Gelände verletzte oder sie von Untoten, gar Menschen, überrumpelt wurden, schien nicht nur sein geschundener Körper, sondern auch sein Verstand langsam zur Ruhe zu kommen. Es gefiel ihm nicht, dieser Umstand, diese Sicherheit, die Normalität die sich einstellte, die Routine, wieder den Job zu machen, den er vor einem Jahrzehnt in seiner eigenen Praxis auslebte. Zur Ruhe zu kommen bedeutete, das sein Verstand die Zeit hatte, sich mit den Dingen auseinander zu setzen, die Valravn seit Jahren, relativ erfolgreich, zu verdrängen versuchte. Sei es der Verlust seiner Töchter, die Nacht in der er sein Auge verlor, dieser verdammte Bärenangriff oder die Erinnerungen an das Leben, was er vor all dem geführt hatte, was sich nach schwerer Krankheit, sowie Scheidung und Umzug, in den wenigen Jahren vor Ausbruch, ihn glücklich gemacht hatte. Er hatte schließlich alles, eine eigene Praxis, Wohlstand, zwei wundervolle Töchter und die faszinierendste Person an seiner Seite, die ihm je begegnet war. Womöglich lag es am Ambiente, weshalb Valravn an die Zeit vor dem Ausbruch erinnert wurde, es war ja nicht die erste Reitbahn, die er aufsuchte, als Tierarzt verweilte er ja nicht nur in seiner Praxis, schon gar nicht, wenn man auf dem Land wohnte. Zudem erfreute auch er sich an dem Anblick stattlicher Pferde, ihren flüssigen, stolz anmutenden Bewegungen, die Einheit die das Tier mit seinem Reiter bildete und die klassische Musik, die dieses Gesamtbild passend untermalte.
Früher konnte er stundenlang dabei zu sehen wie Jesse im Sattel saß, als Tierarzt kannte der Schwede sich mit Pferden zwar aus, doch die hohe Reitkunst hatte er nie gelernt, schon gar nicht in dem Maße und der Perfektion, welche sein bester Freund und zugleich Partner an den Tag legte. Da war es keine Seltenheit, dass Valravn früher einfach nur am Rand stand, dabei zuschaute wie Pferd und Reiter, in meisterhafter Perfektion, eine Einheit bildeten und sich über das Gelände bewegten. Wie der Name schon sagte, Reitkunst ist eine Kunst, ein ästhetisches Gesamtbild und Valravn, der schöne Dinge immer schon mochte, sowie gerne auch stundenlang betrachtete, erfreute sich in höchstem Maße daran. Auch heute noch, allerdings hatte er nicht erwartet, im ungehobelten Amerika, mehr noch in der heutigen Zeit, jemanden anzutreffen, der diese hohe, anspruchsvolle Kunst des Reitens noch beherrschte.
Vielleicht lag darin der Wunsch oder viel mehr die Sehnsucht begründet, die der Schwede nach etwas Vertrauten verspürte, die Haltung des Reiters, auf dem jungen Hengst, weckte Erinnerungen, die bittersüß waren und schmerzhaft zugleich. Mehr als das konnte es jedoch nicht sein, richtig? Er sollte wohl noch früh genug eines Besseren belehrt werden, während sein Verstand, ihm offensichtlich einen Streich spielte, sowie sein Herz darum kämpfte, nicht zu sehr zu verkrampfen bei den Erinnerungen, die hochkamen, drehte der Neuling noch eine letzte Runde bis er direkt auf den Schweden zu hielt.
Sleipnir schnaufte, scharrte neuerlich mit der Hufe über den Boden in Angesicht des jungen Hengstes vor ihm, seine Ohren waren angelegt, er kaute auf der Trense herum, während sein eigener Reiter offenbar die Luft anhielt als sich klar und deutlich der Neuling vor ihm zeigte.
Alles in ihm zog sich schmerzlichst zusammen, als würde man tausend Messer in seinen Körper stoßen, in seinen Organen herumstochern und ihm die Kraft fehlen, auch nur einen Atemzug zu tätigen, als er in das Gesicht seines Gegenübers blickte. Schließlich zog dieser die Wollmütze vom Kopf, brachte das platt gedrückte, doch leicht gelockte dunkle Haar zum Vorschein, bei dem Valravn früher schon nicht widerstehen konnte und gerne seine Finger darin vergrub oder mit einer von Jesses Strähnen spielte, indem er sie wieder und wieder um den Finger wickelte. Mehr als das jedoch, liebte er diese blauen Augen, die manchmal drein schauten wie ein trauriger Hundewelpe, von dem Valravn am liebsten alles Böses hatte fern halten wollen. Und genau in diese Augen blickte er gerade, nach so langer Zeit, dass er natürlich an dem eigenen Verstand zu zweifeln begann, sowie sich mit der Hand über die erhitzte Stirn fuhr, der Schweißfilm auf dieser kam nicht von harter Arbeit, wie sonst. Vielleicht war es nur Einbildung, eine Halluzination, womöglich stand er allein in der Reitbahn und sah nichts weiter als einen Geist? Der, wenn er ihm zu nahe kam, vielleicht einfach wieder verschwand.
Der, sonst so gefasste, Schwede wusste nicht wirklich weiter, es gab keine logische Erklärung, außer vielleicht das er selbst gerade starb oder die vielen Jahre da draußen ihren Tribut forderten, psychisch wie auch physisch. Er brütete etwas aus, sein Immunsystem war zwar über die Jahre zu Kräften gekommen, anfällig war er dennoch mehr als vor der Krebserkrankung. Wenn es aber ein Fiebertraum war, reine Einbildung, wäre er sich dann wirklich darüber so im Klaren, dass es genau das ist?
Die Zügel ließ er gänzlich aus seinen Fingern gleiten, er stieg von Sleipnir ab und griff in dessen Mähne, als er einen Moment lang, berechtigt, bangen musste, ob seine Beine nicht einfach unter dem Gewicht nachgaben, das wieder auf ihnen lastete, kaum das seine Füße den Boden berührten. Sein Blick blieb auf das bekannte Gesicht gerichtet, seine Finger strichen über das schwarze Fell seines Hengstes, dessen Hals entlang, so als wolle er zur Sicherheit etwas haben, woran er sich festhalten konnte, sollte sein Körper doch gänzlich dicht machen und schwächeln.
Nun nicht mehr direkt auf Augenhöhe, änderte auch der Blickwinkel nichts daran, das Valravn noch immer vor sich die Liebe seines Lebens sah, den Menschen, dem er sogar die Sterne vom Himmel geholt hätte, wenn es möglich wäre aber er hätte es zumindest versucht. So trat er weg von Sleipnir, einen Moment lang innehaltend, denn zu seiner Überraschung, gab der Boden nicht unter ihm nach, es tat sich kein Loch auf, in dem er zu versinken drohte und auch seine Beine blieben standhaft, sodass der Schwede an das andere Tier herantreten konnte. Behutsam wanderten seine Fingerspitzen dessen Hals entlang und vergruben sich im Mähnenkamm, als Valravn neben dem Tier stehen blieb, sowie hinauf blickte, doch ganz gleich wie nah oder fern, es waren die alt bekannten Gesichtszüge, die er sah, nur vielleicht ein Fältchen mehr als früher aufwiesen, doch weder ein graues Haar war zu sehen, noch ein Makel, der diesem Antlitz dennoch nichts genommen hätte von dem Hauch der Zerbrechlichkeit, der Jesse immer schon anhaftete. Ebenso die Müdigkeit, manche Dinge änderten sich wohl nie. "Zweifle an der Sonne Klarheit, zweifle an der Sterne Licht, zweifle, ob lügen kann die Wahrheit, nur an meiner Liebe nicht..." Brach es mit belegter Stimme aus dem Schweden heraus, der nicht selten dazu neigte, früher zumindest, aus dem Stand heraus Shakespeare zu zitieren, wenn ihm der Sinn danach stand oder sich die Mühe machte Jesse einen Brief, vielleicht auch nur einen kleinen Zettel, zu schreiben und zu hinterlegen. So wild und rau wie Valravn inzwischen anmutete, knurrig und bissig wie ein alter Wolf, so waren auch romantische Seiten tief in seinem Wesen verwurzelt aber seit nun mehr als zehn Jahren, verkümmerten sie. Er war wie ein Pinguin, der, selbst wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, sein Herz, Leib und Seele unter Verschluss hielt, da dies bereits jemandem geschenkt wurde, von dem er bis Heute dachte, dass sie sich erst auf der Schwelle des Todes wiedersehen würden, auf der anderen Seite.
"Sag mir, dass ich träume ....und wenn dem so ist, so gewähre ihn mir noch ein wenig länger..." Bat er darum, dass Zittern in seiner dunklen Stimme, die stetig leiser wurde drohte ihm gänzlich zu versagen, doch nicht nur sie war davon betroffen, die linke Hand, die er hob und ausstreckte nach Jesse' könnte momentan keine OP durchführen, ja vermutlich nicht mal Gemüse schälen, weil seine Nerven blank lagen. Dabei machte er nach Außen hin unter diesen Umständen noch einen relativ gefassten Eindruck, doch wie es in ihm drinnen aussah, vermochte man nur zu erahnen oder gar zu wissen, wenn man Valravn tatsächlich kannte. Bevor er jedoch die Hand von Jesse berührte, hielt er inne, nur ein paar Zentimeter entfernt, aus Sorge, gar Angst, er würde sich auflösen, wenn er versuchte in Erfahrung zu bringen, ob feste Materie hinter dem vertrauten Anblick steckte. Das Pferd war echt, keine Frage oder diese Einbildung war so verdammt real, das Valravn wirklich den Verstand verloren hatte.


@Jesse Redford


nach oben springen

#6

RE: Reitplatz

in Innenbereich 12.01.2020 18:45
von Jesse Redford (gelöscht)
avatar

Der rappfarbene Kladruber legte die Ohren an und scharrte erneut. Dabei warf er seinen mächtigen Kopf mit der rassetypischen Ramsnase kurz hoch. Damit schien er auf den jungen Hengst zu reagieren, der neugierig die Ohren vorstreckte und kurz quietschte. Eine normale Unterhaltung zwischen Hengsten. Doch das nahm Jesse nur nebenbei war, während er weiterhin den Mann vor sich anstarrte. Und dessen Reaktion nach zu urteilen schien es ihm ganz ähnlich zu gehen wie ihm selbst. Doch während er selbst noch immer völlig überfordert im Sattel sass, beide Hände in den Sattelbaum krallte und zwischendrin die Wollmütze zerquetschte, weil sein Magen sich umzudrehen drohte, stieg Val von seinem Pferd. Wenn er es denn war. Doch wer sollte es sonst sein?
Dieser Augenblick fühlte sich an wie ein Wechselspiel aus Himmel und Hölle. Jesse verkrampfte, versuchte normal zu atmen, doch immer wieder stockte er, weil seine Brust sich so eng anfühlte. Warum hatte ihn niemand darauf vorbereitet, dass Val hier war? Er hätte sich mental darauf einstimmen können. Stattdessen sass er nun hier, wusste nicht ob er bloss halluzinierte. Ob sein ständiger Schlafmangel ihn nun komplett irre werden liess.
Seine Augen, die bereits zu brennen anfingen, die ersten Anzeichen aufkommender Tränen, blieben an dem Gesicht hängen, das zu ihm aufschaute. So fremd mit dieser Augenklappe und doch so unheimlich vertraut.
Jesse hob eine Hand an seinen Mund und unterdrückte einen ersten Schluchzer. Als Val die Stimme erhob, stellten sich ihm die Haare zu bergen, er wandte den Blick halb ab, schloss die Augen und vergrub das Gesicht vollkommen in seiner Hand, während die andere noch immer am Sattel festgekrallt blieb. Ohne deren Halt wäre er wohl einfach vom Pferd gerutscht.
Seine zuvor derart grazile Haltung sackte in sich zusammen, als er die Stimme hörte, die ihn unzählige Male in den Schlaf geredet hatte. Wann immer sie im selben Bett geschlafen hatten und Val feststellen musste, dass er rastlos neben ihm lag, hatte der Schwede nach einem Buch gegriffen und ihm so lange vorgelesen, bis der Schlaf ihn endlich einnahm. Wie oft hatte er mit dem Kopf auf Vals Brust gelegen, mit einem Ohr dessen Herzschlag gelauscht, mit dem anderen seiner dunklen, ruhigen, manchmal fast ein wenig monotonen Stimme. Mit dem schwedischen Akzent, den er nie richtig verloren hatte, mit dieser ganz eigensinnigen Sprachmelodie. Und jedes Mal hatte er es geschafft ihn so weit zu beruhigen, dass er letzten Endes eingeschlafen war.
Ein Schluchzen und ein kurzes Lachen kamen gleichzeitig aus seiner Kehle. Die Situation war so verrückt, so unglaublich surreal. In seinem Kopf ging nichts mehr. Eine gefühlte Ewigkeit hatte er mit der Gewissheit gelebt, das verloren gehabt zu haben, das ihm am allermeisten in seinem Leben etwas bedeutet hatte. Den ersten und einzigen Menschen, der ihn verstand. Den er bedingungslos lieben konnte. Der ihm so viel im Leben gezeigt hatte. Er war absolut nicht darauf vorbereitet gewesen, ihm hier auf dieser Reitbahn mitten in den Bergen einfach wieder zu begegnen.
Schliesslich schlug er die Augen wieder auf, als Val die nächsten Worte an ihn richtete. Jesse wimmerte auf, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und blickte dann auf die nach ihm ausgestreckte Hand. Val zögerte ihn anzufassen. Vielleicht erschien selbst ihm alles hier so surreal, dass er sich womöglich genauso wenig sicher war, wie wirklich diese Begegnung war.
Bevor Val nach seiner Hand greifen konnte, ging ein Ruck durch Jesse. Er nahm die Füsse aus den Steigbügeln und schwang sich vom Rücken des jungen Hengste. Seine Mütze blieb am Sattelbaum hängen. Es hätte ihn nicht einmal gestört, wäre sie im Dreck gelandet.
Seine Knie fühlten sich zittrig und butterweich an, als er den sandigen, weichen Boden unter seinen Füssen spürte. Er sah Val einen kurzen Augenblick noch einmal fassungslos an, die Tränen die mittlerweile über seine Wangen liefen waren ihm egal. Dann hob er die Arme, legte sie um ihn und zog ihn fest an sich. Sein Gesicht vergrub er an Vals Halsbeuge. Tief atmete er dessen Geruch ein, spürte die Wärme die seine Haut abstrahlte. Seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Kleidung.
In diesem Augenblick konnte er sich nicht vorstellen, dass er diesen Mann jemals wieder loslassen würde.

@Valravn Vargström


1 Mitglied findet das süß
nach oben springen

#7

RE: Reitplatz

in Innenbereich 12.01.2020 20:32
von Valravn Vargström (gelöscht)
avatar

Es musste wohl an dem Schock liegen, dass der Schwede in dem Augenblick, nur stumm eine Träne vergoß, die sich über seine Wange den Weg hinab bahnte, und seine Miene nur bedingt Einblick gewährte in seine derzeitige Gefühlslage. Ganz anders bei Jesse, dem die Überforderung förmlich aus dem hübschen Gesicht sprang, trotz der langen Zeit, empfand Valravn ihn auch jetzt, noch immer als ein Fleisch gewordenes Meisterwerk, mit so vielen komplexen Facetten, dass er damals, wie auch heute manchmal daran hatte zweifeln müssen, ob er wirklich real war. Er war einzigartig und Valravn ließ sich kaum eine Gelegenheit entgehen, selbst als sie gerade erst eine Freundschaft aufbauten, um dies Jesse mitzuteilen. Eigenartig, das war das Wort, was viele Andere wohl benutzt hätten, im Zusammenhang mit dem begabten Reiter und Violinisten. Perfekt, war hingegen Valravns Wortwahl, ob oder gerade weil Jesse es im Grunde ebenso wenig war, wie er selbst aber sie die Perfektion, in ihrem Tun und Handeln, stets anstrebten. Er mochte nie der beste Krimiautor gewesen sein, doch der Schwede liebte seine Werke, fühlte sich unterhalten und war stets der Ansicht, dass er mit jedem Buch besser wurde. Es war faszinierend ihn dabei zu beobachten, wenn er über einer Idee brütete und sein rastloser Verstand in ganz andere Sphären zu dringen schien, bis er urplötzlich losschrieb. Doch im Moment würde Jesse offenbar nicht einmal einen Einkaufszettel zustande bringen, Valravn konnte den Blick nicht von ihm lassen, selbst als dieser sich abwandte, einmal mehr es vermied diesem standzuhalten. Sein Herz wusste sich auch nicht zu entscheiden, zog es sich in dem einen Moment, als er dieses bitterliche Schluchzen vernahm, schmerzlichst zusammen, so schien es ihm beinahe aus der Brust springen zu wollen im nächsten Moment, nur um Jesse ins Gesicht zu schreien 'Ich gehöre noch immer dir'.
Dieser plötzliche Ruck, der durch Jesse ging, riss auch Valravn aus seiner Schockstarre, der reflexartig einen halben Schritt zur Seite trat, sowie Platz machte. Seine Auge brannte aufgrund der Tränenflüssigkeit, die er wegzublinzeln versuchte, mehr schlecht als recht, doch sein Blick richtete sich nicht länger hinauf, sondern wie in alter Manier ein ganz kleines Stück nach Unten versetzt. So gravierend war der Unterschied zwischen ihnen nicht, dennoch war Jesse der Kleinere von Beiden, der zerbrechlicher denn je wirkte in diesem Moment und der Schwede sich fest auf die Unterlippe biss, fiel es ihm doch immer schon etwas schwerer seine Gefühlswelt nach Außen zu tragen. Als Arzt hatte er schließlich einen Ruf gehabt, er musste professionell bleiben, durfte sich nicht anmerken lassen, wenn ein Fall, seiner tierischen Patienten, ihm zu nahe ging. Und überhaupt, es lag Jahre zurück seit er eine Träne vergossen hatte oder besser gesagt, sich selbst erlaubte, dies zu tun. Selbst jetzt, in diesem Augenblick, versuchte Valravn, fast schon krampfhaft, die Kontrolle zu behalten und ballte die Hände kurz zu Fäusten, drückte die kurzen Fingernägel in die Handfläche, bis seine Knöchel weiß hervortraten.
Er konnte sich jetzt doch keine Blöße geben, egal wie fest sich die unsichtbare Schlinge um seinen Hals zog, ihm das Atmen erschwerte, ebenso wie der Kloß im Hals, der sich nicht runterschlucken ließ. Nicht wenn er befürchten musste, dass Jesse gleich in tausend Scherben zersprang, als dieser ihn mit Tränen in den Augen ansah, instinktiv hob der Schwede die linke Hand ein Stück an, versuchte Sauerstoff in seine Lungen zu ziehen oder wieder heraus zu pressen. Flüchtig nur berührte er die dunklen Haarspitzen, denn ehe der Schwede hineingreifen konnte, um Jesse zu sich zu ziehen, war dieser ihm einen Schritt voraus und er spürte plötzlich dessen Arme um sich, den Druck, den seine Fingernägel auf sein schlichtes Stoffhemd ausübte. Erschrocken weitete sich sein Auge, sein Mund öffnete sich, brachte aber kein Wort über die Lippen aber sein Körper reagierte, während sein Verstand noch versuchte das Geschehnis zu verarbeiten.
Er schlang die Arme um den Kleineren von Ihnen, drückte die Fingernägel ebenfalls in den Stoff seiner Kleidung am Rücken und hielt ihn einfach nur fest. Das Herz in seiner Brust hämmerte so heftig dagegen, in seinen Ohren dröhnte jeder Schlag so laut, dass er sich sicher war, Jesse konnte es deutlich hören, gar spüren. Es fühlte sich an als würde, nach den endlos langen Jahren der Lethargie, endlich wieder Leben zurück in seinen Körper kehren, das Feuer neu entfacht und der trübe Schleier, der auf dieser neuen Welt lag, gelichtet werden. Den Kopf gesenkt, vergrub der Schwede die Nasenspitze in den lockigen Haaren, er holte tief Luft, seufzte leise und schloss das Auge, als der altbekannte Duft endlich wieder zu vernehmen war. Selbst wenn Jesse nicht auf hoher See war, gerade frisch aus der Dusche kam oder einfach nur da saß, sowie über einem neuen Buch brütete, definierte der Schwede dessen Geruch immer als eine Mischung aus salziger Meeresbrise und grüner Tannen an einem lauen Herbsttag. Eine ungewöhnliche Kombination, ebenso wie die Person selbst, an der Valravn wortlos manchmal geschnuppert hatte im vorbeigehen oder wenn sie im selben Raum waren. Eine Eigenart die auch nur Jesse kannte. Doch der Schwede hatte jeher eine hochsensible Nase, wenn er jemanden, wortwörtlich, nicht riechen kann bzw. dessen Geruch unangenehm fand, konnte er richtig forsch werden und hegte kein Interesse an dieser Person.
Jeder Muskel seines Körpers war zum Zerreißen gespannt, er wollte Jesse am liebsten nicht mehr loslassen und fürchtete zugleich, diesem vielleicht weh zu tun, doch die Befürchtung, dass er ihm durch die Finger glitt, wie Sand, war schrecklich groß. Dennoch lockerte er die Umarmung ein klein wenig, löste die rechte Hand von Jesses Rücken und glitt mit dieser hinauf, streifte seinen Nacken und vergrub die Fingerkuppen in seinem platt gedrückten Haar, das sonst so wuschelig, als auch weich anmutete im trockenen Zustand. Behutsam, vorsichtig, als fürchte er ihn zu zerbrechen, strich er diesem durchs Haar und atmete seinen Duft erneut ein. Er selbst fühlte sich wie elektrisiert, es kribbelte überall, in den Fingerspitzen, die feinen Härchen im Nacken stellten sich auf und eine wohlige, so befremdlich gewordene, Gänsehaut erfasste seinen Körper aufgrund der angenehmen Wärme und Nähe. "...es tut mir leid.." Es gab so vieles das der Schwede ihm sagen wollte, alles, was ihm heiser über die Lippen kam, war jedoch nicht mehr als eine Entschuldigung, in der tiefes Bedauern mitschwang. "...ich hätte nie gehen sollen..." Sondern bei ihm bleiben, seine Töchter Monate vorher aufklären sollen, einmal über den eigenen Schatten springen, vielleicht.... ja vielleicht hätten nicht zehn Jahre der Ungewissheit sie geplagt, ob der Andere noch lebte oder nicht.
Valravn hob den Kopf ein wenig an, blickte auf seinen Liebsten hinab, dem er noch immer durchs Haar strich, sowie den Rücken, damit er sich sicher sein konnte, dass die Seifenblase nicht einfach zerplatzen würde, obwohl der Schwede dieselbe Sorge nach wie vor hegte. Es sich jedoch nicht nehmen ließ, Jesse einen Kuss auf den Haarschopf zu geben und ihn einfach nur festzuhalten. Schließlich spielte es keine Rolle, dass sie sich vielleicht die Beine in den Bauch standen, ihm selbst ein wenig schwummrig war aber das lag nur an den Nerven, vielleicht auch an der leicht erhöhten Temperatur aber selbst wenn er den Kopf unter dem Arm tragen müsste, alles wäre erträglich, solange er Jesse bei sich hatte. Dessen Gesicht Valravn schließlich in die zittrigen Hände nahm, mit dem Oberkörper ein Stück zurückgelehnt, konnte er ihn sich so endlich wieder richtig betrachten, mehr noch, ihm mit den Daumen die feuchten Spuren von den Wangen wischen, welche die Tränen hinterließen und dabei, nach so vielen Jahren, sogar ein Lächeln auf seinen Lippen erschien. "Dir scheinen die Jahre nicht viel angehabt zu haben,... du bist noch bezaubernder geworden." Und da war sie auch, seine direkte Art, das Talent unverblümt mit Komplimenten um sich zu werfen, die aus seiner Sicht, nur ansatzweise zum Ausdruck bringen konnten was Jesse ihm bedeutete und wie wundervoll er war. "Ich dachte bis heute, der Tag, an dem ich dein Gesicht ein letztes Mal betrachten darf, ist, wenn ich sterbe...und dir mein letzter Atemzug und Herzschlag gilt." Er schluckte hart, versuchte den Kloß im Hals zu verdrängen, während die Träne auf seiner Haut förmlich brannte wie Feuer, beim Weg seine Wange hinab. Die kamen ja doch wie sie wollten, da konnte er noch so oft blinzeln, stoppen ließen sie sich davon nicht.
"Ich werde dich nie wieder verlassen, ... sofern du mich noch an deiner Seite willst."
Flüsterte er ihm entgegen und lehnte seine Stirn an die von Jesse, dem er direkt in die blauen Augen sah, welche ihn von Anfang an, so in ihren Bann gezogen hatten. "Mein Herz gehört noch immer dir Jesse, ....es war immer das Deine...von Anfang an.."

@Jesse Redford


nach oben springen

#8

RE: Reitplatz

in Innenbereich 12.01.2020 22:35
von Jesse Redford (gelöscht)
avatar

Als er Val so in seinen Armen halten konnte, hatte er das Gefühl, dass jetzt gleich seine Beine ihren Dienst verweigern würden. Er fühlte sich schwach, als hätte er tausend Jahre nicht geschlafen oder als wäre er aus einem tausendjährigen Albtraum aufgewacht. Es war die unglaubliche Erkenntnis, dass er es sich nicht einbildete. Es war eine derartige Erleichterung und dennoch konnte er es nicht ganz fassen. Er, der in der Lage war die komplexesten Bücher in Rekordzeit zu lesen und zu verstehen, der eine normale Bauanleitung einmal anschauen musste, um sich einzuprägen was zu tun war. Er, der Rechnungen im Kopf löste, bei denen andere sich die Haare raufen würden... Er konnte nicht begreifen, dass er Val in seinen Armen hielt. Der erste und einzige Mensch auf diesem gottverlassenen Planeten, der es je geschafft hatte sein Herz zu berühren. Wie lange war es her, seit sie sich das letzte Mal gesehen? Den letzten Abschiedskuss, der ohne dass sie es ahnten, tatsächlich ein Abschiedskuss auf lange Zeit sein sollte.
Als er damals alleine auf seinem Boot über das Meer gesegelt war, hatte er oft daran gedacht, sich einfach das Leben zu nehmen. So lange wie er Strom hatte, um sein Handy aufzuladen, hatte er die Hoffnung gehabt eines Tages eine Antwort auf seine letzte Nachricht zu erhalten. Immer wieder hatte er auf das Display gestarrt. Doch sowohl seine Nachrichten wie auch seine Anrufe blieben unbeantwortet. Irgendwann war er derart wütend geworden, dass er das Handy im hohen Bogen aufs Meer hinaus geworfen hatte. Nur um es Sekunden später zu bereuen.
An jenem Tag hatte er für eine Weile das Leben aufgegeben. Er erinnerte sich, wie er auf dem Deck gelegen hatte, in den Himmel gestarrt und sich überlegt hatte, wie er am einfachsten sterben konnte. Dabei kam er zum Schluss, dass das Gewehr die beste Möglichkeit war. Also hatte er es geholt, sich innerlich darauf vorbereitet und festgestellt, dass ein Suizid nicht wirklich feige war. Es verlangte eine ordentliche Portion Mut. Doch er wusste wo genau er hin zielen musste, dass sein Kopf explodieren würde. Nichts würde übrig bleiben. Er würde nicht wieder aufstehen.
Er hatte den Ring aus der Hosentasche gezogen. Den Ring, den er geistesgegenwärtig noch gerettet hatte. An jenem Tag hatte er ihn das erste Mal getragen. Anschliessend hatte er den Finger bereits am Abzug. Er war wirklich bereit gewesen zu gehen.
Doch dann ... hatte er realisiert, dass er es nicht konnte. Val hätte es nicht gewollt. Val hätte gewollt dass er weitermachte, solange es ging. Jesse hatte ihn hören konnte, wie er ihm Vernunft einredete. Auf diese trockene und zugleich sanfte Art und Weise, welche nur Val derart perfekt beherrschte.
Also hatte er das Gewehr weggelegt und weitergemacht. Den Ring hatte er durch eine Segelschnur gezogen und sich um den Hals gelegt, um Val immer bei sich zu haben. In den nächsten zehn Jahren, von denen Jesse mittlerweile nicht mehr die genaue Anzahl wusste, obwohl er versucht hatte einen Kalender zu führen, hatte er diesen Ring nicht ein einziges Mal von seinem Hals genommen. Vielleicht auch mit der Hoffnung, Val eines Tages wieder zu sehen. Ob nun in Person oder in einem Leben nach dem Tod, sofern sowas existierte ...
Und nun? Nun standen sie hier auf dieser Reitbahn und er hielt ihn in seinen Armen. Er hatte nicht umsonst gekämpft. Er sein eigenes Leben nicht umsonst verschont.
Sachte und zärtlich spürte er Vals grobe und zeitgleich sanfte Hände in seinen Haaren. Genau wie damals. Hände, die faszinierten. Die ganze Wunder vollbringen konnten. Jesse schmiegte sich leicht gegen den sanften Druck an seinem Kopf und liess es schliesslich zu, dass Val die Umarmung etwas lockerte. Er vernahm die Entschuldigung, die seiner Meinung nach nicht nötig gewesen war. Val hatte die Verantwortung für zwei junge Mädchen gehabt. Wie konnte er da wütend auf ihn sein?
Er schaffte es dennoch nicht wirklich etwas darauf zu erwidern. Jesse hatte das Gefühl, wenn er jetzt den Mund aufmachte, würden nur lauter undefinierbare Geräusche herauskommen. Doch zumindest klärte sich allmählich sein Kopf, verweigerte ihm nicht länger das Denken, auch wenn seine Gedanken nach wie vor ungesund rotierten.
Val legte seine warmen Hände um sein Gesicht und so konnte er ihn wieder richtig ansehen. Erneut huschten seine Augen über das Gesicht so nah vor ihm. Als würde er noch einmal sichergehen, dass er beim ersten Mal nichts übersehen hatte.
Val sah immer noch aus wie Val, doch vom harten Leben der letzten Jahre gezeichnet... und diese Narbe. Das Haar, das etwas silberner geworden war. Es war schon damals leicht meliert gewesen. In dem Punkt unterschieden sie sich. Er ging nun auf die fünfzig zu und noch immer waren seine Haare und Bart nahezu komplett frei von weissen Gästen.
"Hör auf...", sagte er und nun lachte er erneut kurz auf. Wie immer, wenn Val ihm eines dieser übertriebenen Komplimente gab. Er senkte auch für einen Wimpernschlag seinen Blick aus Verlegenheit. Val schien immer noch halbwegs der Alte zu sein, wenn er direkt wieder mit derartigen Worten um sich warf. "Ich bin alt und faltig geworden...." Er hob die Mundwinkel zu einem halben Lächeln, weil er sich sehr wohl bewusst war, dass er sich eigentlich ganz gut gehalten hatten. Ausser, dass seine Augenringe nach wie vor permanent in seinem Gesicht vertreten waren und sich die Sorgenfalten in sein Gesicht verewigt hatten. Aber sie waren eben auch fast zehn Jahre auseinander ...Damals war er gerade Anfang dreissig gewesen....
Er legte die Arme um Vals Nacken, als dieser ihre köpfe aneinander zog. Er blickte zu ihm auf, in diese ruhigen Augen. Val wollte ihn immer noch? Hatte er in der Zwischenzeit niemanden anderes gefunden? Wirklich....?
"Gib... gib mir einen Augenblick, damit ich ... vollständig realisieren kann, dass du kein Trugbild meiner Fantasie bist... Aber wag es dich, mich noch einmal so lange alleine zu lassen..."
Kurz machte er eine Pause, atmete tief durch, schloss die Augen, schlug sie wieder auf.
"Valravn ... Ich hab dich so vermisst...."

@Valravn Vargström


nach oben springen

#9

RE: Reitplatz

in Innenbereich 13.01.2020 10:54
von Valravn Vargström (gelöscht)
avatar

Sollten Jesse wirklich die Beine versagen, so konnte er sich dieses Mal gewiss sein, dass Valravn ihn festhalten und zur Not auch auf Händen tragen würde, es wäre wohl nicht das Erste Mal, dass der Schwede das täte. Der selbst nicht sicher war, ob sein Körper im Augenblick gehorchen würde, sollte er auch nur versuchen sich vom Fleck zu bewegen, im Moment gab es jedoch keinerlei Anlass, um auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden, denn er wollte nicht weg. Er wollte Jesse nicht loslassen, nicht noch einmal verlieren, denn dann würde Valravn sich womöglich freiwillig in sein Schwert stürzen. Die letzten Jahre ohne ihn waren doch im Grunde nur reine Existenz, die Rastlosigkeit trieb den Schweden voran, von Alaska runter bis hier hin, sein Dickschädel ließ nicht zu, dass er sich zum Sterben einfach hinsetzte, an einen Baum lehnte und den Tod mit offenen Armen Willkommen hieß.
Nicht, dass dieser Gedanke ihm nicht gekommen war, mehr als einmal sogar, jedoch war Valravn schon immer ein Kämpfer und obwohl er nicht wusste, was mit Jesse geschehen war, hegte er die Hoffnung, dass er es geschafft hatte, wer wenn nicht er? So zerbrechlich dieser hochbegabte Mann auch anmutete, der Schwede wusste um sein unendliches Potenzial, und so seltsam es auch klingen mochte, er hatte es gespürt, dass Jesse noch da war, irgendwo da draußen.
Er war, wochenlang, den Weg, den er auf der Jagd nach diesem Bastard, hinter sich gebracht hatte, sogar wieder zurück gegangen um zu Jesses Haus zu gehen, viele Monate nach Ausbruch, natürlich erwartete er nicht dort etwas zu finden oder besser gesagt, er hoffte es. Denn wenn er ihn nicht als Untoten vorfand, dann hatte er es geschafft zu fliehen, vielleicht mit Anderen, mit seinem Segelboot, dass ihn rauf aufs Meer und fort von all dem Unheil an Land brachte. Wie zu erwarten war, hatte er nur ein geplündertes Haus vorgefunden, ein paar Untote, derer sich zu entledigen ihm leichter fiel als noch Wochen zuvor, selbst mit nur noch einem verbliebenen Auge. Doch mit einer Axt in der Hand, musste man nicht gut zielen können, außer man hatte vor sie zu werfen. Zumindest stand das Haus noch, im Vergleich zu dem Seinen, das abgebrannt war und neben dem Schutt, zwei unscheinbare kleine Erhebungen befindlich waren, die unter dem Schnee im Winter nicht mehr zu sehen waren.
Nur ein paar Tage war er dort geblieben, hatte das, was vom Haus noch übrig war, auf den Kopf gestellt um irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, sein Fokus lag nicht auf Vorräten, sondern auf etwas Banalem, einen Zettel, irgendetwas mit einem Hinweis darauf und als er glaubte, fündig geworden zu sein, war aufgrund der Feuchtigkeit die Tinte so zerlaufen und verwaschen, dass Valravn nichts mehr erkennen konnte. Was blieb ihm also noch, als mit den Hunden weiterzuziehen, mehr einem zornigen Geist gleich, als dem eleganten Tierarzt, der es liebte Stunden in der Küche zu verbringen, um kunstvolle Gerichte zu kreieren, die nur noch von dem Geschmack übertroffen wurden.
Bis heute wusste Valravn ehrlich gesagt nicht, was genau ihn antrieb um so lange durch Zuhalten, es gab gute Tage, doch viele Schlechte, die ihn manchmal an den Rand des Wahnsinns trieben und er überlegte, das Ganze zu beenden aber irgendwie schien er nicht sterben zu wollen, nicht zu können. Er überlebte einen harten Winter nach dem Anderen, entkam dem Hungertod und überlebte sogar den Angriff eines Grizzlys, kein Wunder, dass er irgendwann anfing zu glauben, zu überleben sei seine Strafe für sein Versagen. Sowohl als Vater, wie auch als Partner von Jesse, den er auch ohne Ring am Finger als seinen Ehemann betrachtet hatte. Eine kleine Zeremonie, im engsten Kreise, vielleicht auch nur sie Beide allein, wäre lediglich die Kirsche auf dem Sahnehäubchen gewesen aber die Antwort auf seine Frage, für die er ganz traditionell auf das linke Knie gesunken war, um Jesse eine kleine aber feine Schatulle, mit Ring in schwarzen Samt gebettet, unter die Nase zu halten, stand bis heute aus.
Ob er jetzt, nach zehn Jahren, endlich eine Antwort erhalten würde von diesem?
Nun, es hatte keine Eile, Valravn würde auch ein wenig länger warten, nun wo er handfeste Beweise dafür hatte, dass Jesse real war und kein Trugbild, dass er sich nicht einfach in Luft auflöste. Nein, er war aus Fleisch und Blut, er sah ihr beider Atem in weißen Wölkchen aufsteigen, konnte die Wärme seiner Haut unter den Fingern spüren als er sein Gesicht in beide Hände genommen hatte. Aufgrund der Kälte fühlte Jesse sich kühler an, zumindest sein Gesicht, dass den niedrigen Temperaturen ungeschützt ausgesetzt war, während Valravn das Gefühl hatte innerlich zu kochen, zumindest konnte er so dessen Wangen vielleicht ein wenig wärmen. Vor seinem inneren Auge hatte er stets dieses liebreizende Gesicht vor sich, dem der Zahn der Zeit scheinbar nicht viel anhaben konnte, vielleicht erschien Jesse ein bisschen reifer als damals, doch bis auf die Sorgenfalten und die Augenringe, die Valravn kein Stück überraschten, war rein äußerlich kaum eine Veränderung erkennbar. Selbst wenn es anders wäre, geschmälert hätte es die Gefühle des Schweden auch nicht, dessen Herz in seiner Brust so hastig schlug und in seinem Magen das Gefühl von tausend Schmetterlingen vorherrschte.
Der sonst so grimmige drein schauende, knurrige alte Wolf lächelte stattdessen liebevoll, sogar noch ein wenig mehr als es ihm, offenbar noch immer, gelang Jesse mit wenigen Worten in Verlegenheit zu bringen, sowie ihm ein Lachen zu entlocken. Der Schwede mutete ja stets ernst an, früher als auch heute, doch in der Hinsicht nahmen sie sich nicht all zu viel, umso kostbarer war jeder dieser Momente, selbst wenn nur der Anflug eines Lächelns auf Jesses Lippen erschien, bloß sein Mundwinkel zuckte, war es Valravn Lohn genug. An diesem wundervollen Mann konnte er sich früher schon nicht satt sehen und geändert hatte es sich offenbar bis Heute nicht.
Ebenso wenig, dass es dem Kleineren vor ihm gelang, dem höflich distanzierten Arzt gleichermaßen ein heiseres Auflachen zu entlocken mit seinen Worten. "Gewiss doch, du machst einem Shar Pei wahrlich Konkurrenz, gegen dich, sehe dieser aus wie gebügelt im Gesicht." Reagierte der Schwede mit einer trockenen, scherzhaft gemeinen Antwort, die mehr als deutlich machte, dass er Jesse kein Stück zustimmte. Von wegen alt und faltig, sie wussten beide, dass Jesse noch lange nicht zu kämpfen hatte mit dem Verlust der Haarfarbe oder unendlich tiefen Furchen im Gesicht. Selbst wenn dem so wäre, es wären Kleinigkeiten, Details, welche Valravn an ihm ebenso lieben würde, wie seine herrlich blauen Augen oder seine schön geschwungenen Lippen, auf denen der Blick des Schweden, für wenige Sekunden, hängen geblieben war. Unbewusst leckte er sich die Seinen, um sie zu befeuchten und atmete tief durch, er war stets ein beherrschter, sowie gesitteter, Mann und viel zu wohlerzogen, als das er sich vulgär ausdrücken würde oder in jemandem nur ein Stück Fleisch sah.
Er brauchte auch keine einschlägigen Worte, große Gesten oder dergleichen, ein Blick reichte bei ihm, um sein Gegenüber wissen zu lassen, dass er ihn begehrenswert fand. Und wie oft hatte er, wenn Jesse nicht hinsah, ihn auf eine Weise betrachtet, die förmlich danach schrie, dass er ihn mit den Augen auszog. Ertappte dieser ihn dann doch, weil Valravn schlichtweg zu lange in seine Richtung blickte, überspielte er es gekonnt oder konterte in der Regel mit einer spitzfindigen Bemerkung, meist jedoch war er brechend ehrlich und direkt diesem gegenüber. Fast so als hatte er Freude daran, Jesse aus dem Konzept und zum Erröten zu bringen, es wäre eine Lüge zu behaupten, dass Valravn sich nicht gerne einen Spaß daraus machte früher. Nur waren seine Komplimente stets ernst gemeint, ebenso seine Absichten diesem gegenüber aufrichtiger Natur. Die Liebe war für den Schweden weder ein Spiel, noch etwas das er auf die leichte Schulter nahm.
Er hatte selbst nicht geglaubt, nach der Scheidung, überhaupt noch mal etwas für jemanden zu empfinden, das so tief ging, dass jede Minute, die er nicht bei dieser Person sein konnte, die reinste Qual war.
Doch dann traf er Jesse und brachte ihm den zweiten Frühling, im Herbst seines Lebens, welch Ironie. Valravn war deutlich älter, hatte mit der Familienplanung abgeschlossen, sowie alles erreicht, was man erreichen konnte und sich damit abgefunden, für den Rest seines Lebens allein zu bleiben. Schließlich hegte er gar nicht die Absicht Jesse Avancen zu machen, er war lediglich fasziniert von seiner Art, begeistert von seinen herausragenden Fähigkeiten und komplexen Vorgängen in seinem Kopf, seine analytischen Fähigkeiten waren überwältigend. Das aus dieser Faszination für diese Person, eine Freundschaft erwuchs, schleichend, langsam aber stetig, sowie in Liebe endete, ahnte doch keiner von Beiden und Valravn bereute es nicht eine Sekunde lang. Er fühlte sich das erste Mal verstanden. Viele Leute fühlten sich von dem Arzt vor den Kopf gestoßen, der zurecht eine gewisse Arroganz ausstrahlte, früher mehr denn heute, bloß weil er sich nicht sofort per Du mit jemandem gab und sehr auf seine Ausdrucksweise, sowie Manieren achtete. Er trennte Arbeit und Privat strikt, gewährte den Leuten nur dann Einblick, wenn sie es sich verdient hatten oder notwendig war. Bis auf seine Töchter, fand er es unnötig Anderen seine liebevolleren Seiten aufzuzeigen, es ging sie schlichtweg nichts an und die Meisten interessierten ihn nicht oder langweilten ihn schnell, da spielte, es keine Rolle aus welcher Gesellschaftsschicht sie stammten.
Natürlich hatte er sich in Schweden vorwiegend in der gehobenen Gesellschaft bewegt, geboren wurde er aber in einer kleinen Gemeinde, am nördlichsten, bewohnten Punkt Schwedens und wuchs in bescheidenden Verhältnissen auf. Sein Benehmen, seine Art und Weise, ging nicht einher mit dem goldenen Löffel im Mund, er war schon als Kind so und verabscheute unhöfliche, vulgäre Menschen. Wie sagte er so gerne, Manieren machen uns zu Menschen.
Und Jesse? Er war weder langweilig, noch auf dem Kopf gefallen, im Gegenteil und er verstand den eigenwilligen Humor des Schweden, der oftmals schwer erkennbar war, da er auch dann meist so höflich distanziert wie auch ernst anmutete. Der Schwede war nun mal kein, vor Gefühlen überschäumender Mann, und brauchte Zeit um sich zu öffnen, was ein gehöriges Maß an Vertrauen bedurfte dem Anderen gegenüber.
Ein Vertrauen das Jesse bis heute innehatte und von Valravn nicht das, zum Schein übliche, höfliche Lächeln zu Gesicht bekam, sondern jenes was aus tiefsten Herzen kam und ehrlicher Natur war. Er konnte in Angesicht von Jesse nicht anders, als zu lächeln, vor Erleichterung, Freude, Glück und voller Zuneigung. Valravn hatte bis dato nicht mal geglaubt das er sowas noch kann oder je wieder empfinden würde, zumindest in Bezug auf einen Erwachsenen. Die kleine Skadi, das Mädchen mit der Bärin, hatte den Schweden im Nu um den Finger gewickelt aber Kindern gegenüber, war dieser immer schon offenherziger, sowie freundlich, schließlich war er selbst Vater.... gewesen.
Jede noch so kleine Regung im Gesicht von Jesse beobachtete Valravn ganz genau, selbst ihm fiel es oftmals schwer, herauszufinden was in diesem vor sich ging, dabei würde er mit Recht behaupten, dass er Jesse besser kannte, als jeder Andere aber es gab Momente, wo auch der Schwede vor einem Rätsel stand, sowie sich in Geduld üben musste. Etwas wovon Valravn zum Glück unendlich viel zu besitzen schien, dessen Mundwinkel nach Oben zuckten ob der Äußerung seines Liebsten, woraufhin er es sich einfach nicht verkneifen konnte, zu sagen, mit spitzbübischen Funkeln im Auge.
"Ich hoffe, dieses Mal muss ich nicht noch mal zehn Jahre warten bis du eine Entscheidung getroffen hast mein Lieber."
Eigenwilliger Humor eben. "Mir läuft etwas die Zeit davon, wenn du verstehst." Scherzte Valravn auf seine trockene, ruhige Art erneut, die unterschwellig seinen schwachen Akzent durchkommen ließ, was den Wenigstens auffiel, aber Jesse schlugen solche Feinheiten ja förmlich ins Gesicht. Im Grunde bräuchte er Scheuklappen, wie ein Pferd, damit sein stetig arbeitender, rastloser Verstand etwas zur Ruhe kam und nicht von der Flut an Informationen, die seine Umwelt aussendete, erschlagen wurde.
Mit dem Daumen fuhr er über Jesses Wangenknochen, hinab bis hin zu seinem Kinn, wo er die dunklen Bartstoppeln deutlich spüren konnte und schließlich Zeige- sowie Mittelfinger unter dieses schob und ein kleines Stück anhob. Valravn kam ihm automatisch näher bis ihre Nasenspitzen sich flüchtig berührten und sein Blick an Jesses Augen haftete, eindringlich, wie ein Raubtier, dass seine Beute fixierte und nicht mehr von ablassen würde. "Ich werde nirgendwo hingehen ohne dich, versprochen."
Seufzend, nur einen Wimpernschlag lang, neigte er den Kopf minimal schräg zur Seite, gönnte seinem Auge den Bruchteil einer Sekunde zum Pausieren und ließ den angenehmen Klang von Jesses Stimme auf sich wirken, viel mehr die Bedeutung seiner Worte.
Er hatte ihn ebenfalls vermisst, schmerzlichst und plötzlich huschte der Gedanke durch seinen Kopf dass, wenn er das Auge wieder öffnete, Jesse doch fort war aber das Risiko ging er ein.
Umso größer die Erleichterung als er noch immer vor ihm stand, die Wärme und Nähe seines Körpers, nicht verschwunden war, sondern noch immer präsent, ebenso der Geruch von Meer und Tannen, der sich mit dem der Pferde neben ihnen vermischt hatte.
Da er noch immer seine Finger unter Jesses Kinn gelegt hatte, sowie ein Stück weit angehoben, entschied der Schwede sich dazu, anstelle von Worten, Taten für sich sprechen zu lassen. So nah wie sie einander waren, brauchte er den Kopf nur ein kleines Stück herab senken um innig, jedoch sanft, als habe er Sorge Jesse springt vor Schreck sonst zurück, seine Lippen auf die seinen zu betten für einen Kuss...der längst überfällig war aus seiner Sicht.


@Jesse Redford


nach oben springen

#10

RE: Reitplatz

in Innenbereich 13.01.2020 17:52
von Jesse Redford (gelöscht)
avatar

Einer der beiden Hengste neben ihnen schnaubte und schüttelte sich. Er konnte das kurze Vibrieren des Körpers hören, genauso wie das Leder des Sattels, das dabei gegeneinander schlug. Das Klirren der Trensenringe am Maul. Der junge Hengst war erstaunlich geduldig und schien sich nicht an der Pause zu stören, die zwangsläufig entstanden war, als die beiden Männer ihr unerwartetes Wiedersehen zelebrierten.
Eine Windböe liess einige Schneeflocken bis zu ihnen wandern. Erst wirbelten sie hoch, bevor sie langsam gen Boden rieselten. Eine der Schneeflocken verfing sich in den Haaren, die Val in die Stirn fielen. Früher hatte er seine Haare immer recht ordentlich getragen. Jesse hatte ihn stets darum beneidet, dass Vals Haare so einfach zu bändigen schienen. Seine eigenen waren ... Nun... Er hatte immerzu seine liebe Mühe gehabt auch nur annähernd sowas wie eine Frisur hinzukriegen. Bis er es schliesslich irgendwann aufgegeben hatte. Seine Haare taten ohnehin was sie wollten und kurz scheren wollte er sie nicht.
Doch er musste zugeben, es stand Val irgendwie. Als er ihn damals das erste Mal gesehen hatte, hatte er ihn für einen völlig übertrieben förmlich gekleideten Snob gehalten, der keinen anderen Weg wusste als seinen vermutlich vorhandenen Reichtum zur Schau zu stellen. Er hatte deplatziert gewirkt in diesem kleinen Ort mitten in der Pampa Alaskas. Tatsächlich hatte er ihn sogar ein wenig an seine eigenen Eltern erinnert, welche sich zu jedem Anlass derart herausputzen mussten, dass er die beiden kaum wiedererkannte. Während er selbst sich in normaler Klamotte immer am wohlsten Gefühlt hatte.
Später hatte Jesse natürlich erkannt, dass deutlich mehr hinter Val steckte als dessen eher gehobenes Auftreten. Doch nun sah er ihn und er wirkte mehr wie ein verwilderter Barbar. Der grau durchzogene Dreitagebart, das Haar und auch die Klamotten die nichts mehr mit den früheren Anzügen gemein hatten. Dazu die Augenklappe. Die Geschichte dahinter interessierte Jesse doch sehr. Doch er war sich sicher, dass sie nun wohl genug Zeit hatten sich auszutauschen. Zumindest hoffte er es.
Seine Gedanken sprangen nun bereits einen Schritt weiter. Es gab so viel zu erzählen und zu berichten. Und das bestimmt auf beiden Seiten. WAs mochte in Vals Leben geschehen sein, dass es ihn hierher geführt hatte...?
Doch noch bevor er wirklich weiter denken konnte, legte Val ihm die Finger unters Kinn und rückte noch einen Hauch näher. Sie waren so nah beieinander, es passte kaum noch ein Blatt Papier zwischen sie. Jesse schluckte und atmete etwas zittrig ein. Auch wenn er damals wie auch heute in Sachen Romantik eher weniger bewandert war und er selbst seine Sexualität verhältnismässig erst sehr spät entdeckt hatte, Val schaffte es immer wieder ihn in seinen Bann zu ziehen. Ja, er schaffte es auch immer wieder ihn komplett in Verlegenheit zu bringen und das, obwohl Val nun wirklich kein vulgärer Mensch war.
Jesse war in Körperlichkeiten schon immer eher langsam gewesen. Während sein blitzschneller Verstand es ihm erlaubte selbst in jüngstem Alter Dinge zu verstehen, über die andere Menschen im selben Alter noch nicht ansatzweise nachdachten, so war er, während einige Jugendliche längst heimlich in Zeitschriften schmökerten, noch Welten davon entfernt gewesen sich für irgendetwas in diese Richtung zu interessieren. Bei den seltenen gemeinsamen Fernsehabenden mit seinen Eltern, hatten diese stets peinlich berührt versucht ihn vom Film abzulenken, sobald die Figuren darin sich näher kamen. Doch es hatte ihn ohnehin nicht wirklich interessiert. Er hatte nie einen Gedanken daran verschwendet sich eine Freundin zu suchen. Damals in Wien hatte er seine Zeit lieber mit Lernen verbracht als mit Gleichaltrigen über Mädchen zu sprechen. Im Studium hatte er für nichts anderes Zeit ausser Lernen und Segeln.
Somit war er Anfangs Dreissig gewesen, als er das erste Mal in seinem Leben tatsächlich Lust empfunden hatte. Vals Avancen waren zwar nicht immer subtil gewesen, weshalb er oft genug beschämt errötet war, wenn dieser ihm ein delikates Kompliment schenkte. Es kam schliesslich zum ersten Kuss und das nicht etwa mit einer Frau, wie er eigentlich dachte, dass es sein müsste, sondern ebenfalls mit Val. Die Liebe zwischen Männern war in seiner Familie immer ein Tabuthema gewesen, wäre für ihn niemals in Frage gekommen, wenn er nicht auf einmal doch angefangen hatte zu fühlen, was in seinen Lenden kochen konnte, wenn nur die richtigen Hebel in Bewegung gesetzt wurden.
Val, der bereits einmal eine Familie gegründet hatte, war dahingehend deutlich reifer und erfahrener gewesen und hatte ihm so manches gezeigt, wovon er davor nicht zu träumen gewagt hatte. Entsprechend war ganz von allein dieses leichte Gefälle zwischen ihnen entstanden. In den fünf Jahren, in denen sie sich kennen und lieben gelernt hatten, hatte Jesse gut vier gebraucht, bis er auch von sich aus überhaupt mal dazu gekommen war, Val einen Kuss zu schenken.
Nun blickte er ihm zehn Jahre später wieder ins Gesicht und die Anzeichen waren immer noch dieselben. Der Blick im verbliebenen Auge, wie er sich kurz über die Lippen leckte, näher kam, wie er sein Kinn anhob. Jesse wusste es würde sich noch maximal um Sekunden handeln, bis er in den Genuss des ersten Kusses kommen würde seit einer gesamten Dekade.
Er sollte recht behalten. Val überbrückte die minimale Lücke zwischen ihnen, Jesse schloss zeitgleich die Augen und atmete beinahe erleichtert auf, als er Vals Lippen auf seinen spürte. Er legte seine Arme fester um Vals Nacken, zog sich so an ihn, drückte sich an ihn und erwiderte den Kuss ohne zu zögern.
Er hatte es dermassen vermisst, doch es wurde ihm erst jetzt klar, wie sehr ihm diese innige Zärtlichkeit wirklich gefehlt hatte. Er spürte seine Wangen wärmer werden, als ihm das Blut etwas mehr in den Kopf stieg. Dabei dachte er an Vals Worte. Die Entscheidung, die er nie offiziell gefällt hatte, obwohl ihr Ergebnis eigentlich glasklar war. Das "Ja" das er Val nie hatte zukommen lassen können, obwohl er sich nichts anderes gewünscht hatte, als diesen Mann zu seinem Ehemann zu machen.
Für ein paar Sekunden dachte er darüber nach, es ihm hier und jetzt zu geben. Als erste Worte nach diesem lang ersehnten Kuss. Er stellte sich vor, wie er sich den Ring vom Hals riss, ihn Val in die Hand drückte, damit er ihn endlich, nach mehr als Zehn Jahren an seinen Platz an seinem linken Ringfinger einnehmen konnte.
Doch dann stockte er innerlich. Nein. Er konnte unmöglich ja sagen. Nicht nach allem was er getan hatte. Val hatte keine Ahnung was für ein Mensch er geworden war. Er ahnte nicht, dass er derzeit in einem Netz aus moralischen Dilemmas gefangen war, das nun mit jeder Sekunde noch verworrener wurde. Val konnte auch nicht wissen, dass er ein Spion war. Dass er hier in dieser Kolonie nichts verloren hatte. Dass er für einen Mann arbeitete, dessen Beweggründe nicht immer nachvollziehbar waren.
Was wenn Val ihn nicht mehr wollte, wenn er die Geschichte erfuhr? Wenn er von ihm so unsäglich enttäuscht war, dass die Liebe zu ihm doch noch verkümmerte? Val würde einen Mann heiraten, der gegen einige seiner Prinzipien verstossen hatte. Dessen beste Freundin ihn einen Verräter nannte ...
Die Hände um Vals Nacken verkrampften sich leicht, als sein Hirn wieder auf Hochtouren schaltete und ihm nicht eine einzige Sekunde Zeit gab, diesen Moment so zu geniessen, wie er es verdient hätte.

@Valravn Vargström


1 Mitglied findet das süß
nach oben springen

#11

RE: Reitplatz

in Innenbereich 13.01.2020 20:11
von Valravn Vargström (gelöscht)
avatar

Es glich einem Wunder, dass Sleipnir nicht längst intervenierte, indem er dem Drang nachgab, die Haare von Jesse zu knabbern, in dem Fall könnte Valravn es dem Hengst nicht verübeln, doch der Kladruber schüttelte sich nur schnaubend neben ihnen, während sein Besitzer den anderen Zweibeiner offenbar anschmachte, wie das Pferd einst Zuckerwürfel. Ein Vergleich der Jesse niemals gerecht werden könnte, obgleich 'süß' durchaus eine Bezeichnung war, die Valravn im Zusammenhang mit Jesse nennen würde, der jedoch weit mehr war als das. Aber ein anderes Attribut könnte in dem Augenblick, als seine Lippen sich küssend an jene von Jesse schmiegten, kaum passender sein. Süß, begleitet von Wehmut und Sehnsucht, schien trotz der langen Zeit, die vergangen war, nicht nur sein Duft derselbe zu sein, sondern auch der Geschmack seiner weichen Lippen, allein diese Erkenntnis löste einen wohligen Schauer aus, der seinen geschundenen Rücken hinab kroch. Einhergehend mit diesem prickelnden Kribbeln, welches die Befürchtung des Schweden, Jesse erneut zu überrumpeln, rasch in den Hintergrund rücken ließ und stattdessen diesen Augenblick genießen konnte. Rechnete er tatsächlich damit, dass dieser ihn womöglich auf Abstand brachte, indem er ihn mit beiden Händen von sich drückte, trat Gegenteiliges ein und der Griff um seinen Nacken wurde fester, zog ihn dichter an den Kleineren der Beiden heran, um dessen Taille der Schwede zumindest einen Arm schlang. So als wolle er selbst sicher gehen, das Jesse nicht zurückwich, weil sein Kopf plötzlich wieder das Ruder übernahm und ihn überhäufte mit Eindrücken, Fragen oder Sorgen.
Der Schwede ahnte ja nicht, wie Recht er doch hatte, doch zumindest für einen friedvollen Augenblick, indem gefühlt die Zeit still stand, konnten sie ihr Wiedersehen mit einem Kuss zelebrieren.
Für Valravn war es nichts Neues oder gar störend, das unzählige, kleine Schritte bewältigt werden mussten, um sein Gegenüber aus seinem Schneckenhaus zu locken. Auch er musste über die Jahre ein entsprechendes Gespür entwickeln, dafür, wann seine direkte Art seinen jüngeren Lebensgefährten heillos überforderte, sodass er einen Schritt vor aber prompt zwei Schritte wieder zurückgeworfen wurde. Geduld war das Zauberwort, obwohl der Schwede manchmal wirklich genötigt war, mit der Tür ins Haus zu fallen. Hätte er in den Jahren nicht, dann und wann, die Initiative ergriffen, sowie Jesse mit dem Rücken an die Wand gedrängt, mitunter wortwörtlich, wären sie wohl in den Jahren vor dem Ausbruch über ein Winken aus der Ferne nicht hinaus gekommen.
Auch das wäre wohl nicht tragisch gewesen, solange er dessen Gegenwart genießen durfte, körperliche Anziehung war nicht Dreh- und Angelpunkt gewesen, nicht aus Sicht des Europäers, sie hatten eine tief reichende Basis von Verständnis füreinander, die weit darüber hinaus ging und er wertschätzte dies ungemein.
Valravn mangelte es nicht an Leidenschaft, er gehörte nur grundsätzlich nicht zur umtriebigen Sorte, vor seiner Ehefrau hatte er kaum mehr als eine Handvoll Verabredungen gehabt und mehr als ein Essen war daraus nie entstanden, das Studium war einfach wichtiger gewesen. Zwischenmenschliche Beziehungen empfand er als hinderlich, soziale Interaktion abseits der Mensa unnötig. Schließlich studierte er Tiermedizin und Psychologie, er war nicht an der Universität in Stockholm um Weiber aufzureißen, wie viele Andere seines Alters. Seine Zielstrebigkeit und Lernbereitschaft gaben den Ton an, nicht seine Lenden. Man kann sich vermutlich denken, wie erfrischend anders es war, zu sehen und zu beobachten, das Jesse in der Hinsicht ähnlich tickte als sie einander kennenlernten. Oftmals hatte Valravn den Eindruck, sofern sie sich nicht in der Wildnis oder daheim verkrochen, sondern außerhalb im Diner des kleinen Ortes ein schlichtes Frühstück einnahmen, dass Jesse die Avancen der Kellnerin gar nicht realisierte. Entweder erschien es ihm so abwegig, so surreal oder sein scharfer Verstand blendete die primitiven Signale schlichtweg aus. Natürlich konnte es auch daran liegen, das dieser für weibliche Reize schlichtweg nicht empfänglich war. Ein faszinierender Gedanke zur damaligen Zeit, nur war das Thema heikel aufgrund der Erziehung, die sie Beide auf unterschiedliche Weise genossen hatten, doch eine Gemeinsamkeit hatten ihre Eltern scheinbar. Homosexualität war ein Tabu und Valravn hatte Jesse ein paar Jahre voraus, sowie Töchter, eine Ex-Frau, bis auf seinen exquisiten Geschmack für Kleidung, seine Finesse beim Kochen, schien der Tierarzt eine ganz 'normale' sexuelle Neigung zu haben.
Etwas das ihn immer schon störte, Valravn präferierte kein Geschlecht, Frauen als auch Männer waren gleichermaßen anziehend, selbst Äußerlichkeiten tangierten ihn nur bedingt. Warum sich also in eine Schublade zwängen lassen? Er vertrat die Ansicht, dass die Chemie stimmen musste, wie auch im Tierreich. Was interessierte es eine verliebte Giraffe, ob ihr Partner ebenfalls ein Männchen ist? Warum sollte der Pinguin sich dafür schämen, mit seinem männlichen Partner über die Eisscholle zu watscheln oder aneinander zu kuscheln im unbarmherzigen Schneegestöber? Menschen waren wahrlich dumm, anstrengend aber manche Individuen schrecklich faszinierend. Stundenlang konnte er im selben Raum mit Jesse verweilen, ohne ihn zu berühren, sogar ohne ein Wort zu wechseln mit diesem und dennoch verspürte er tiefe Zufriedenheit unter solchen Umständen, sie waren einander nah, ohne sich die Kleider vom Leib reißen zu müssen.
Auf gewisse Weise waren sie nicht nur sonderbar, jeder auf seine Art, sondern auch recht einsam in der großen Welt, die scheinbar nicht geschaffen war für ihresgleichen. Warum also nicht gemeinsam allein sein, eine eigene kleine Welt im großen Ganzen schaffen, eine Zuflucht zu der nur sie Beide Zutritt hatten. Die Schwächen des Einen glich der Andere aus. Verhalf Valravn des Nachts Jesse zu etwas Schlaf, indem er ihm vorlas, obgleich er meist wenige Stunden später bereits in die Praxis musste und somit Selbigen einbüßte, so war es der begnadete Reiter, der den Workaholic zu einer Pause bewegen konnte, sobald er daheim in einem Haufen Papierkram zu ertrinken drohte. Bahnte sich, aufgrund des geringsten Husten oder beklemmenden Gefühls im Brustkorb, bei dem Schweden eine Panikattacke an, war es an Jesse ihn herauszureißen, ehe Valravn sich davon überwältigen ließ und hineinsteigerte. Sie gaben aufeinander Acht, keinem konnte der Schwede seine Sorgen anvertrauen, den Kummer, der ihn an manchen Tagen stärker plagte als an Anderen und bei Jesse fiel es ihm so spielend leicht, sich manches von der Seele zu reden oder einen anderen Blickwinkel aufzeigen zu lassen. Und wenn es drohte zu viel zu werden, die Arbeit, der Stress, der Druck von Außen, konnten sie sich aufs Meer flüchten mit Jesses Segelboot.
Vielleicht gab es hier kein Segelboot aber eines zum Rudern, mit dem man auf den See rausfahren konnte, jedoch war das im Moment leider keine Option. Valravn konnte deutlich spüren wie Jesses Körper sich anspannte, im ersten Moment ging er davon aus, dass es an dem plötzlichen Kuss lag, aber so wie er sich diesem zuerst hingab, konnte dies schlecht der Auslöser sein.
Es war sein Kopf, nicht wahr? Die abertausenden Gedanken die darin rotierten, die ihn abdriften ließen und Valravn am Nacken spürte, wie sich dessen Hände leicht verkrampften. Innerlich seufzend löste er den Kuss, den Kopf ein Stück zurückgezogen, lag Sorge in seinem verbliebenen Auge, dass Jesse einen Moment lang nur betrachtete ohne das der Schwede ein Wort über die Lippen brachte. "Es gibt vieles über das wir reden müssen." Es war so viel geschehen, er wollte wissen was Jesse die Jahre über getan hatte, wie er es schaffte am Leben zu bleiben und noch mehr als das, doch wie immer galt, ein Schritt nach dem Anderen. Weshalb Valravn nach hinten fasste, zu seinem Nacken um dort nach einer von Jesses Händen zu greifen, sachte aber bestimmt zog er sie nach vorn, um einen Blick darauf zu werfen. "Das sollten wir aber nicht inmitten der Kälte tun." Er hob Jesses Hand auf Höhe seiner Wange und schmiegte diese letztendlich in seine Handfläche, Valravn würde nicht einfach verschwinden, die Zeit rannte ihnen diesmal nicht davon. Und gewiss schwirrten dem Dunkelhaarigen ebenso viele Fragen im Kopf herum, wie dem wild anmutenden Schweden. Fast wie aufs Stichwort reckte sich der schwarze Pferdekopf von Sleipnir den Beiden entgegen, beschnupperte Jesse bevor der Hengst mit der Oberlippe an dessen Haar herumnippte. "Ah, wo bleiben meine Manieren, wenn ich dir Sleipnir vorstellen darf, mein überaus eigenwilliges Pferd, mit Sinn für Humor und Vorliebe für Haare wie du gerade siehst. Sleipnir, darf ich dir Jesse Charles Montgomery Redford vorstellen, die Liebe meines Lebens, also zeige dich bitte von deiner besten Seite." Redete er mit dem Pferd als wäre es das Normalste der Welt, natürlich schwang ein belustigter Unterton in seiner Stimme mit, schließlich war diese Eigenart völlig normal für den Schweden und er damit auch nicht allein auf der Welt. Beinahe entschuldigend lenkte Valravn den Fokus wieder auf Jesse, ein schiefes Grinsen auf den Lippen habend als der Rappe wieherte, sowie den Neuling mit der Schnauze anstupste bevor der große Kopf sich senkte in Richtung seiner Hosentaschen. Womöglich hatte Jesse etwas dabei, immerhin war Valravn immer so knauserig mit Leckerchen.
"Sei gewarnt, er hat es faustdick hinter den Ohren und ... mir mehr als einmal das Leben gerettet. Vielleicht willst du ihn eine Runde reiten aber pass auf, er tut nur so freundlich und ruhig, ..in Wahrheit ist er nicht weniger dickköpfig als ich." Ließ er Jesse wissen, der vielleicht überrascht war, dass Valravn ein eigenes Pferd besaß, denn trotz allem wollte er nie ein Eigenes. Die Hunde damals reichten ihm, die sowie meistens bei Jesse waren, erst Recht wenn Valravn bis spät in der Praxis war um zu arbeiten unter der Woche. Dass sie während des Ausbruchs bei Valravn waren, lag nur daran, dass er mit seinen Töchtern, nach deren Ankunft, einen Ausflug mit ihnen machen wollte. Im Winter war das Gespann vor dem Hundeschlitten, im Sommer konnte man sie ein Quad ziehen lassen. Der Rappe, auf dessen Rücken das große Fell eines Grizzlys ausgebreitet lag, begann zu scharren und auf der Trense zu kauen, fast so als wollte er deutlich machen, dass Jesse mit ihm nicht so leichtes Spiel hatte, wie mit dem jungen Hengst. Sleipnir war auch nicht gesattelt, seit er im Dorf war, gab es keinen Grund diesen zu verwenden und er musste repariert werden, da er so durch gesessen und alt war. Allerdings bezweifelte Valravn, dass Jesse diesen brauchte, schließlich war er der Pferdeexperte von ihnen Beiden, immer schon gewesen und nicht selten, wenn der Schwede doch mal mit seinem Latein am Ende war, zog er ihn gerne zurate.




@Jesse Redford


nach oben springen

#12

RE: Reitplatz

in Innenbereich 13.01.2020 21:42
von Jesse Redford (gelöscht)
avatar

Der Kuss dauerte viel zu kurz. Obwohl Jesse nicht zu dem Kreis der Personen gehörte, die ständig und immer Körperkontakt austauschen mussten, um halbwegs glücklich in einer Beziehung zu sein, so war der erste Kuss nach einer Dekade wirklich keiner, der nur einen Augenblick dauern sollte. Zumindest seinem Empfinden nach. Doch natürlich machte sein Kopf ihm einmal mehr einen Strich durch die Rechnung. Konnte sein Verstand nicht ein einziges Mal auch nur für eine halbe Sekunde still sein?
Allerdings, je länger er darüber nachdachte, desto mehr wurde ihm Bang. als er eingewilligt hatte diese Kolonie unter die Lupe zu nehmen, auf ihre Stärken und Schwächen zu analysieren und herauszufinden ob man sie vernichten musste oder eine Zusammenarbeit in Frage käme, hatte nicht einkalkuliert, dass er hierbei auf Val treffen könnte.
Scorpions Leute hatten diese Kolonie über Monate hinweg verborgen in Zombieherden beobachtet und Beschreibungen der Personen abgeliefert, welche hier regelmässig ein und aus gingen. Soweit sich Jesse erinnern konnte war allerdings nie die Rede von einem Mann wie Val gewesen, der definitiv aufgefallen wäre.
Diese unerwartete Wendung brachte einige seiner Pläne irgendwie durcheinander. Es ändert einfach alles! Es beeinflusste seine Neutralität Balar gegenüber....
Über diese Gedanken hinweg verkrampfte sich Jesse derart, dass er letztlich doch fast froh war, als Val den Kuss unterbrach, selbst wenn er sich gewünscht hätte, der Augenblick würde ewig andauern.
Vals Worte nahm er nur nebensächlich wahr, zu sehr war er schon wieder im Strudel seiner Gedanken. Dennoch schaffte er den Sinn der Worte zu realisieren. Fahrig nickte er, wich Vals Blick aus und wollte die Hände runter nehmen. Doch Val kam ihm zuvor, nahm eine seiner Hände und kurz darauf lag Vals Wange in seiner Hand. Jesse nickte, sah wieder kurz zu ihm auf. Für einen kurzen Augenblick konnte er sich auf das Gefühl in seiner Hand konzentrieren. Vals markante Kieferlinie, welche von Bartstoppeln bedeckt waren, die ein leichtes Kitzeln auf seiner Haut auslösten, das wie ein elektrisierendes Kribbeln durch seinen ganzen Körper fuhr.
"Ja ... Ja du hast vollkommen Recht", sagte er, seine Stimme wirkte dabei auf diese typische Weise etwas bebend. Dabei entzog er ihm langsam die Hand. Val wusste, dass er das nicht böse oder abweisend meinte, doch je mehr Eindrücke er jetzt abschalten konnte, desto grösser war die Wahrscheinlichkeit, dass er seinen wirren Kopf wieder unter Kontrolle kriegte.
Diesen Augenblick hielt der Kladruber für den besten Moment, um seine Nase in sein Haar zu stecken. Jesse kniff leicht die Augen zusammen, atmete dann aber tief durch. Pferde waren voll okay. Er hob den Blick, betrachtete die Nüstern, die versuchten eine Haarsträhne aus seinen Locken zu fummeln, um im besten Fall hinein zu beissen und daran zu zupfen. Dies unterband Jesse dann aber indem er seine Hände hob und die stark nach aussen gewölbte Pferdenase sanft aber bestimmt von sich wegdrückte.
"Meine Haare sind nicht zum verspeisen gedacht, Sleipnir", sagte er zu dem Pferd, wobei seine Stimme schon wieder etwas stabiler wirkte. Dabei sah er dem Pferd in die dunklen, ausdrucksstarken Augen.
"Ich werde ihn eines Tages mal reiten und mir zu Gemüte führen, wie er sich anfühlt. Und wie sehr du ihn verritten hast. Ich kann mir vorstellen, dass es da einiges zu verbessern gibt." Ja, es war ein nicht ganz ernst gemeinter Seitenhieb, ganz Jesses unmissverständlich trockener Humor, der so ernst rüberkam, dass kaum einer den Witz wohl bemerkt hätte. Aber er konnte sich nunmal wirklich nicht vorstellen, dass Val es geschafft haben soll, ein Pferd so zu reiten, dass es seidenfein an den Hilfen ging und jederzeit abrufbar war... Doch vielleicht wurde er ja mal überrascht?
Kurz seufzte er auf, fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. Ja, es gab eine ganze Menge zu bereden. Nur hatte er keine Ahnung was er Val wie erzählen sollte. Würde er nun auf einmal Geheimnisse vor ihm haben....?
Kurz atmete er ein, bevor er zu seinem Pferd schaute. Er pflückt die Wollmütze vom Sattelbaum, setzte sie sich auf und ergriff die Zügel.
"Hast du eine Wohnung hier oder so?", fragte er dann. "Ich muss... Ich kann hier drin gerade nicht denken..." Was wohl weniger mit der Umgebung zu tun hatte als mit der Gesamtsituation, doch Val würde schon verstehen was er damit sagen wollte. Er wollte in die Wärme, in einen ruhigen Raum und das Ganze hier einfach mal in Ruhe besprechen.
"Du bist ja bestimmt schon länger hier als ich, oder?"

@Valravn Vargström


nach oben springen

#13

RE: Reitplatz

in Innenbereich 13.01.2020 23:52
von Valravn Vargström (gelöscht)
avatar

In der Tat würde Valravn sich gerne gänzlich in dem Kuss verlieren, nur was brächte es ihm, ihnen Beiden, wenn Einer von ihnen schon wieder in ganz anderen Spähren war? Der Vergleich mochte seltsam sein, der ihm gelegentlich dazu in den Kopf gekommen war, doch an manchen Tagen war es, wie zu der Zeit als er krank war, als ein guter Tag darin bestand, im Bett aufrecht sitzen zu können und seiner jüngsten Tochter, Eulalia, aus dem neuen Buch vorzulesen, das sie unbedingt hatte haben wollen. An schlechten Tagen, war Valravn nicht mal dazu imstande gewesen die Kraft aufzubringen, um zu essen, zu trinken oder ein paar Worte herauszubringen. Manchmal schien es sich mit Jesses wachem Verstand ähnlich zu verhalten, mal gelang es ihm besser, mal schlechter, den Betrieb dort oben runterzuschrauben oder pausieren zu lassen.
Womöglich würde Valravn sich vor den Kopf gestoßen fühlen, wenn er selbst nicht diverse Erfahrungen im Leben gemacht hätte, so jedoch nahm er die Dinge so hin, wie sie gegeben waren. Es hätte ihn eh überrascht, wenn Jesse, ob dieser unerwarteten Zusammenkunft, es geschafft hätte, länger als wenige Minuten, seinen Kopf zum Ruhen zu bringen. So viele Fragen kamen hoch, die gestellt werden wollten, gar mussten, darin unterschieden die beiden Männer sich in dem Moment nicht all zu sehr voneinander. Valravn gelang es nur sehr viel besser, abzuschalten, sowie Prioritäten zu setzen, wenn Kopf und Herz sich wieder uneins zu sein schienen. Natürlich hatte üblicherweise sein Herz die Oberhand gehabt, daheim, in ihren sicheren vier Wänden, welche die schützenden Mauern ihrer kleinen gemeinsamen Welt bildeten. Die damit verbundene Sicherheit war nicht gegeben, Valravn hatte auch wenig Lust darauf, dass man sie sah, zumindest bestimmte Leute hier in Balar. Ivar! Die nachher noch glaubten, der Tierarzt baggert ungeniert den Neuling an, das war mit 'unter die Lupe nehmen' gewiss nicht gemeint gewesen.
Zudem war es spürbar, greifbar und kaum zu übersehen, dass Jesse die Situation unangenehm wurde, vielleicht auch einfach bloß überforderte aber Fakt war, der Schwede musste zurückrudern. Das Letzte, was er wollte war, dass Jesse komplett dicht machte. Seine Stirn legte sich nachdenklich in Falten je länger er sein Gegenüber betrachtete, die Bewegungen von Jesse wirkten fahrig, unruhig, für den Schweden nichts Neues, weshalb er einlenkte und die eigenen Bedürfnisse, viel mehr Wünsche als auch Sehnsüchte hinten an stellte. Zumindest einen Atemzug lang, gelang es ihm Jesses Fokus auf sich zu lenken, doch spätestens als dieser ihm die Hand entzog war das deutlich genug.
Erneut leckte er sich die Lippen, trat sogar einen halben Schritt zurück, zu seiner Verwunderung gelang es ihm sogar, obwohl er zuvor noch befürchten musste, einfach um zu fallen. Auch seinen Arm zog er zurück, schob beide Hände stattdessen in die Taschen seiner Lederhose, die er trug, schlicht, wetterfest, ein bisschen zu groß vielleicht aber da half sein alter Gürtel aus, dessen schwarzes Leder bereits stark verwittert war und die Schnalle, in Form eines Wolfes, längst ihren silbernen Glanz verloren hatte.
Unter anderen Umständen könnte man beinahe neidisch auf Sleipnir sein, der für den Moment, fast Jesses ganze Aufmerksamkeit erhielt, sowie dessen Fingerspitzen anzuknabbern versuchte, bei dem Vorhaben seine Schnauze zurückzuschieben, in dessen Taschen fand sich wohl leider nichts für das Pferd.
Dem Schweden zauberte allein dieser Anblick, so vertraut aber gefühlt endlos lang her, nach wie vor ein schwaches Schmunzeln, auf die Lippen, auf denen er noch immer dieses elektrisierende Kribbeln verspürte. Allerdings hoben sich seine Augenbrauen prompt, ob der frechen Aussage seines Liebsten, die eigentlich bitterernst, gar ein wenig arrogant klang aber diese Art von eigenwilligem Humor, hatte er an Jesse stets gemocht.
"Bitte, tue dir keinen Zwang an aber hab Nachsicht, er ist erst seit, vielleicht, einem Jahr in meinem Besitz." Erwiderte der Schwede in gewohnt ruhiger, fast schon monotoner, Manier als er sich nebenbei erlaubte musternd den Blick über Jesse wandern zu lassen. Von Kopf bis Fuß und wieder zurück. Da es bei Jesse nichts zu holen gab, begann Sleipnir an dem Hemd von Valravn herum zu zupfen, knabberte sogar etwas fester an dessen Schulter, solange bis dieser die Hand aus der Tasche zog und nach den Zügeln fasste. Mit der Anderen strich er dem Rappen über die Stirn, er hatte nichts für ihn, außer ein wenig Zuneigung im Moment. "Eine kleine bescheidende Hütte, ja. Ist nicht weit, am anderen Ende des Dorfes, ein bisschen abgeschieden gelegen. Willst du ihn mitnehmen?" Mit einem Nicken deutete er auf den jungen Hengst, Sleipnir würde ohne guten Grund, momentan keinen Fuß in den Stall setzen, weshalb Valravn den Kladruber direkt mit nach...Hause nehmen würde. Denn das war die Hütte, dieses Dorf nun für ihn. "Ein paar Wochen länger nehme ich an, es ist erstaunlich oder ironisch, dass wir uns offenbar gekonnt aus dem Weg gegangen sind seit du hier bist. Wüsste ich es nicht besser, würde ich behaupten, du hast meinen toten Winkel schamlos ausgenutzt, um dich zu verstecken." Äußerte der Schwede sich, seine Tonlage gab nicht preis ob das ein Scherz war oder gar ein Vorwurf, sehr wahrscheinlich Ersteres. Das Dorf bot genug Platz und Möglichkeiten um sich aus dem Weg zu gehen, mal davon ab, dass Valravn mit den vielen Tieren stets vollends beschäftigt war. Er konnte ja nicht überall zugleich sein, daher war es gar nicht weiter verwunderlich, dass die Beiden sich noch nicht begegnet sind.
Noch einmal sah er rüber zu Jesse, von dem er noch immer nicht so recht glauben konnte, dass er zurück war in seinem Leben aber wie, das möglich war, sollten sie in Ruhe besprechen. So setzte er sich in Bewegung, Sleipnir, wie so oft, halt Gassi führend, wie früher die Hunde aber der Anblick war den Leuten im Dorf inzwischen nicht mehr fremd. Manchmal lief Sleipnir auch allein herum, mit Ziegen auf dem Rücken, Bäh und Mäh.

>>>Valravn's Hütte


@Jesse Redford


nach oben springen


disconnected Survive Talk Mitglieder Online 2
Xobor Einfach ein eigenes Forum erstellen