In den frühen Morgenstunden verabschiedete Naru sich und ließ Balar hinter sich; hier wusste man mittlerweile, dass die junge Frau entweder am gleichen Abend zurückkam oder vielleicht auch erst in den darauffolgenden Tagen. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie sich für längere Zeit in der Wildnis verschwand, um dem Trubel der Kolonie zu entkommen. Heute war einer dieser Tage, an dem es sie in die Ferne zog. Sie sehnte sich nach der Stille der Natur und der Sicherheit des Waldes, der ihr so viele Jahre lang ein Zuhause gewesen war. Gemeinsam mit ihrer Hündin Sarii entfernte sie sich weiter als gewöhnlich von Balar, um neue Jagdgründe zu erschließen. Und je weniger menschengemachtes sie um sich hatte, desto freier floss ihr Atem. Vogelgezwitscher, das Surren und Brummen erster Wildbienen und das Rascheln der Bäume – die Erde lebte weiter, obwohl so viel tot auf ihr wandelte.
Die Stunden verstrichen, ihre Beine trugen sie immer weiter. Auf ihrer Reise sammelte sie Kräuter und verstaute sie in einem ledernen Beutel, der an ihrem Gürtel hing. Hin und wieder hielt sie einfach nur inne und genoss die heilende Kraft der Natur. Zwei Flaschen Wasser füllte sie an einem Fluss. Und Sarii tollte um sie herum, mal die Schnauze weit am Boden, mal hoch in der Luft. Und irgendwann erreichten sie eine Lichtung, auf der sich mehrere Kaninchen tummelten. Eifrig mümmelten sie an frischem Klee. Naru konnte drei der Tiere mit Pfeil und Bogen erledigen. Sie band die toten Kaninchen an den Hinterbeinen zusammen und trug das Bündel über ihrer Schulter.
Als sie die ersten Vorboten des Gewitters sie erreichten, war sie bereits zu weit von Balar entfernt, um es rechtzeitig dorthin zu schaffen. Und so folgte sie ihrem Herzen weiter, auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf. Das Gras um sie herum wurde immer höher, in der Ferne tauchte eine alte Steinmauer auf. Sie überwand die Mauer und stand in einem verwilderten Garten. Überall wuchsen die Frühlingsblumen, es gab einen still gewordenen Teich und mittlerweile morsch gewordene Gartenmöbel, die langsam von immer höher werdenden Brombeerbüschen verschlungen wurden. Zwischen all dem stand eine Villa. Die Natur war bereits dabei sich auch diesen Ort zurückzuerobern. Efeu rankte an den Mauern empor und bahnte sich seinen Weg durch zerbrochene Fensterscheiben.
Naru näherte sich dem Gebäude vorsichtig und kletterte durch ein Seitenfenster. Beinahe geräuschlos durchsuchte sie die Räume im Erdgeschoss. Im ersten Stock war es ruhig, selbst als Sarii kläffte, weil sie eine Ratte entdeckte, rührte sich nichts. Naru zog sich in die Küche zurück, während Sarii die Ratte erlegte. Die Schränke und Schubläden standen offen; sicherlich war sie nicht die erste, die diesen Ort entdeckt hatte. Naru legte die Kaninchen auf der staubigen Anrichte ab und warf einen Blick zum Waschbecken. Draußen wurde es derweil immer dunkler, die Wolken bildeten eine schwarze Decke über der Welt. In der Ferne grollte es bedrohlich und kurz darauf schlugen die ersten feinen Tropfen gegen die Fensterscheiben. Sie ließ sich davon nicht irritieren und nahm sich eines der Kaninchen vor, um es auszunehmen. Dafür musste sie zuerst das Fell entfernen, was später natürlich auch weiterverarbeitet werden würde. Und während sie die ersten Schnitte setzte, war es Sarii, die bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Die Hündin spitzte die Ohren und schnüffelte in der Luft. Naru schob es zunächst auf die Ratten, doch als Sarii ein leises Knurren hören ließ, war ihr klar, dass diese Gefahr größer sein musste. Sie ließ von dem Kaninchen ab und steckte das Messer ein. Stattdessen griff sie sich ihren Bogen und einen Pfeil. „Hierbleiben.“, flüsterte sie ihrer Hündin zu und bewegte sich vorsichtig aus der Küche; die Sehne gespannt und einen Pfeil schussbereit.
@Remo Gillys