Irgendwann im Jahre 2020 oder doch schon 2021?
Was spielte Zeit heutzutage noch für eine Rolle? Es gab keine Uhren mehr, die in irgendeiner Form relevant waren, denn man musste weder pünktlich zur Arbeit erscheinen, noch die Sorge zu hegen seine Lieblingsserie im TV zu verpassen. In den Kolonien wurde gearbeitet, wenn die Sonne aufging und bei Dämmerung geendet oder nach Vollendung seines Versorgungsauftrags. Was viel wichtiger wurde und das war die größte Herausforderung und Bitterkeit kurz nach dem viralen Kollaps, dass man überlebte und zwar mit dem, was man fand. Ab diesem Punkt zeigte die Rasse Mensch ihr wahres Gesicht und dass es nicht nur eine bloße Behauptung war, dass es unter ihnen die schlimmsten Monster gab, welche diese Welt beherbergte. Doch was brachte einen Menschen dazu, schlecht zu sein oder gegeneinander Krieg zu führen, sich zu ermorden? Gier.
Die Gier und der damit verbundene Drang überleben zu wollen. So wie er selbst im übrigen. In kleineren Gruppierungen handelte er mit Schmuckstücken, die er bei Toten fand oder gab Informationen über Unterkünfte preis, die in der Gegend lagen und erhielt dafür Verpflegung. Remo war kein Jäger und hatte es nie übers Herz gebracht, ein Tier zu töten, aber war dankbar, dass es andere taten. So nahm er gegrilltes Fleisch immer gern entgegen oder Stockbrot, einfach weil es gut sättigte, im Gegensatz zu Pilzen oder Beeren, die er im Wald fand und jegliche Früchte auf Obstbäumen. Gerade im Winter konnten längere Märsche eine ziemliche Herausforderung bedeuten oder an kälteren Tagen wie in diesem Moment. Die Sonne schien seit vorgestern kaum, der Himmel war wolkenverhangen und ein frischer Wind zog übers Land. Eigentlich hatte seine Tour entspannt begonnen, mit einer Temperatur, die recht angenehm war, egal ob tags- oder nachtsüber. Er wollte viel schneller vorankommen und immer wieder wurde er von derben Regenschauern unterbrochen, welcher ihn wieder dazu zwang einen Unterschlupf zu suchen. Scheinbar wanderte er aber durch ein sehr unbewohntes Gebiet, das auch einst mit Dörfern eher mau besiedelt wurde und doch fing etwas in der Ferne auf einer Anhöhe das Licht ein, um es im nächsten Moment zurück zu spiegeln. Welche Optionen besaß Remo nun? Natürlich ging er dieser Sache nach, blieb auf der schmalen Straße und konnte nach weiteren 300 Metern erkennen, dass es ein Gebäude war, das dort oben einsam thronte und die Reflektoren stellten schräg gestellte Solarplatten, samt einer silberfarbenen Satellitenschüssel dar.
Die Tür zum Inneren der Funkstation wurde mit einem Schloss vor Eindringlingen geschützt, aber das sollte kein Problem mehr für ihn darstellen, weil er prinzipiell eine Büroklammer dabei hatte, bereits entsprechend geformt und zum Einsatz bereit. Es musste nicht zwingend bedeuten, dass diese Funkstation nicht bewohnt wurde, vielleicht war ihr Besitzer einfach nur unterwegs und aus diesem Grund stellte Remo einen Stuhl unter die Klinke, nachdem er das Innere flüchtig inspizierte, um am Ende sicher zu sein, dass er der Einzige hier oben auf der Anhöhe war. Groß war dieser Unterschlupf nicht, denn er bestand nur aus einem Raum, der mit einigen Gerätschaften ausgestattet war, die alle dem Funkverkehr dienten -besonders die auf dem Schreibtisch vor dem mit Gitter geschützten Fenstern - und kurz überlegte er, ob dies ein alter, unscheinbarer Geheimstützpunkt vom Militär oder FBI war. Nachdem er seinen Rucksack auf den Schreibtisch positionierte, untersuchte er die Regale, wofür er sogar eine dimmbare Tischlampe fand und die dank der Solarplatten noch immer Strom ziehen konnte. In einem Karton lagen Funkgeräte, einige verpackte Batterien und Kopfhörer oder in einem anderen alte Videokassetten und Kabel, die für bestimmte Verbindungen geeignet waren. Völlig konzentriert in seinem Tun erschreckte ihn ein Funkspruch, der gut hörbar aus dem Kopfhörer kam, der noch immer an das Funkgerät angeschlossen war und für einige Sekunden verharrte Remo regungslos, ehe er sich langsam zur Front bewegte.
"...bleiben. Wir werden womöglich bald weiterziehen. Schließe dich uns an..." Diese Wortfetzen vernahm er, als er sich den Kopfhörer an sein Ohr hielt und immer wieder von einem leisen Knacken begleitet wurde.
"Hallo? Wo bist du?" Aber anstatt der Mann am anderen Ende verstummte, sprach er immer weiter und wiederholte stets das selbe von einem Ort, dessen Namen Remo nicht kannte. Wahrscheinlich war dieser Funkspruch eine Endlosschleife und das schon seit Jahren, aber das brachte ihn auf eine Idee. Wenn er Funksprüche empfing, so konnte er auch den Spieß umdrehen und schauen, ob ihn irgendwer hörte. Hier oben hatte er vermutlich eine gute Chance, auch tiefer ins Land hinein jemanden zu erreichen und dann wäre all das wieder eine Spur auf die er geführt wurde, weil es so sein sollte. Während er sich den Kopfhörer so aufsetzte, dass sein rechtes Ohr komplett bedeckt wurde, konnte er mit dem anderen noch wahrnehmen, was um ihn herum geschah. Bevor er die Gerätschaften vor sich in Augenschein nahm und öffnete er die Schubladen rechts neben sich, um eventuelle Notizen zu finden. Einige Schritte entfernt ergriff er dann die Lehne eines Bürostuhls mit Rollen und zog ihn erst einmal zu sich heran, um sich zu setzen. Denn so wie es aussah, regnete es sich ein und das laute Poltern der Regentropfen unterstrich seine Vermutung.
Was nun die Schubladen betraf, so fand er nur einen Schreibblock mit mehreren Frequenzen und diese ging er nun eine nach der anderen ab. Bei keiner meldete sich jemand, was erst einmal etwas enttäuschend war und somit begann Remo wild durch die CB-Kanäle zu wandern, wo meist nur Rauschen zwischen den Frequenzen 26,965 - 27,405 MHz ertönte. Aber auf Kanal 9 bei 27,134 wurde es mucksmäuschenstill.
"Hallo?" Keine Antwort. Doch als sein Blick nach draußen schweifte und entfernt am Horizont ein Blitz aufflackerte, erinnerte er scih an eine Geschichte. So als säße er mit einem alten Freund zusammen, begann er sie einfach zu erzählen.
"Damals, ich kann mich noch gut daran erinnern, hast du mir immer bei Gewitter erzählt, dass der laute Donner durch den Kochlöffel entstand, den die Mutter Jesu kräftig auf die Pfanne schlug, weil sie wütend war. Du hast das immer so ernst erzählt, als hättest du selbst daran geglaubt und wer weiß? Vielleicht hast du das auch. Heute weiß ich, dass du mich einfach auf mein jetziges Leben vorbereiten wolltest..."
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@Lilac Munson