Francesca hatte jegliches Zeitgefühl verloren und konnte nicht genau sagen, wie lange sie schon bei den Wicked war. Es mochte bestimmt bereits ein Jahr vergangen sein, vielleicht mehr oder vielleicht weniger. Seit einigen Monaten befand sie sich nun hier im Haus Lust und das war die längste Zeit ihrer Gefangenschaft. Obwohl es nicht das erste Mal war, dass sie in einer solchen Situation gefangen war, waren die Umstände doch nicht vergleichbar. Hier hatte sie feste Aufgaben und es ging ihr relativ gut. Der größte Vorteil gegenüber ihrer Zeit als Gefangene auf dem alten Kriegsschiff der Menschenhändler lag jedoch in ihrem Auftritt auf der Bühne des Nachtclubs, den die Gruppe betrieb – mit zunehmendem Erfolg. Schon fast ihr ganzes Leben lang tanzte Francesca: Mit fünf Jahren begann sie damit und mit zehn galt sie bereits als Profi mit einer vielversprechenden Karriere vor sich. Doch alles änderte sich mit dem Untergang der Welt.
Heute Morgen war Francesca im Club, um zu trainieren. Hier nannte sie sich Selina, ihr früheres Alter Ego aus einer längst vergangenen Fernsehserie, in der sie als elfjährige Hauptdarstellerin auftrat. Selina gab ihr Sicherheit und half ihr, die Herausforderungen der Gefangenschaft zu bewältigen. Im Laufe der Wochen und Monate nahm sie immer mehr von dieser Rolle an und perfektionierte sie schließlich so sehr, dass sie wieder genau die Figur wurde, die sie einst verkörperte.
Francesca befand sich auf der Bühne und hatte begonnen, ihre Muskeln zu dehnen und sich aufzuwärmen. Sie hatte abgenutzte Turnschuhe an ihren Füßen und trug dazu eine kurze Hose zusammen mit einem Oberteil, welches den Blick auf ihre wohl definierten Bauchmuskeln lenkte. Ein Anblick, der bei manchen Männern Neidgefühle erweckte. Durch die Gefangenschaft war sie wieder in Topform gekommen; einer der wenigen Vorteile dieser Situation. Früher musste sie ständig fliehen und von einem Ort zum anderen reisen, aber jetzt konnte sie sich hier sicher fühlen und genug Zeit für ihr Tanztraining nehmen – ein makaberer Luxus.
Auf gewisse Weise gefiel es Francesca sogar, hier zu sein, obwohl es anfangs schwierig für sie war. Selina half ihr dabei, sich mit ihrer Lage abzufinden und diese als gegeben hinzunehmen. Dennoch sehnte sich Francesca nach Freiheit, obwohl dies nicht bedeutete, dass sie unzufrieden war. Es war interessant zu sehen, wie Selina gleichzeitig freiheitsliebend war und es verabscheute gesagt zu bekommen, was sie tun sollte oder nicht tun sollte - auch wenn dies im Widerspruch zueinander stand. In diesem Punkt ergänzten Francesca und Selina einander perfekt. Vielleicht führte diese Symbiose dazu, dass ein völlig neues altes Ego geboren wurde. Oder vielleicht brach einfach nur der Charakter aus Francescas Innerem heraus, der schon immer da gewesen war .
Eine der Wachen näherte sich ihr und zog sie von der Bühne weg. Sie empfand eine starke Abneigung gegen diesen Mann. Er war einer jener Menschen, die völlig in ihrer neuen Rolle in dieser Welt aufgingen. Seine Worte hallten so laut in ihren Ohren wieder, dass Francesca nicht einmal daran dachte, etwas zu erwidern. Die Fürstin des Hauses wollte sie sehen – um diese Uhrzeit. Das war nicht nur ungewöhnlich, sondern auch ein Grund zur Nervosität. Natürlich kannte sie die Fürstin vom Sehen her und hatte auch ein oder zwei kurze Gespräche mit ihr geführt. Aber abgesehen davon hatte Francesca noch nicht viel mit ihr zu tun gehabt. Während die Wache unaufhörlich an ihrem Arm zerrte und sie durch den Club hinauf in die privaten Zimmer führte, machte sich Francesca Gedanken über den Grund dieser fraglichen Ehre. Und das sogar noch mehr, als sie ins Schlafzimmer geführt wurde. Wenn man sich dort umsah, konnte man fast vergessen, dass die Welt kurz vor dem endgültigen Untergang stand – denn hier schien die Zeit stillzustehen. Der Mann klopfte an ihre Tür und öffnete das Schlafzimmer für Francesca; anschließend entfernte er sich sofort.
Francescas Augen verharrten auf der dunkelhaarigen Schönheit. Sie saß auf dem Bettrand, ihre Beine kunstvoll übereinander geschlagen und betrachtete Francesca intensiv. Und in Francescas Zügen spiegelte sich Unsicherheit wider. Es war nicht allein der Tatsache, dass sie in dieses Schlafgemach geführt worden war, sondern vielmehr die Präsenz der Fürstin selbst geschuldet.
"Sie wollten mich sehen?", sprach Francesca ruhig, fast zögernd, während sie Reyna mit magnetischer Anziehungskraft musterte.
“Ich war nicht darauf vorbereitet, sie zu sehen.” Erklärte sie entschuldigend, ob ihrem Auftreten und ihre Worte waren wie ein Flüstern in einem Sturm, der nach Antworten suchte.
@Reyna Ortiz